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Regional Kontroversen als Spiegel der Zeit
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18:50 02.07.2009
2005 eingeweiht: Das Holocaust-Mahnmal in Berlin besteht aus zahlreichen Stelen.
2005 eingeweiht: Das Holocaust-Mahnmal in Berlin besteht aus zahlreichen Stelen. Quelle: ddp
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Politiker und Publizisten waren es nicht allein, sondern auch Wissenschaftler und Schriftsteller stellten sich den Diskursen dieser Republik, die meist von wachsamen Publizisten angestoßen worden waren. Manche heftige Debatte ist vergessen, kommt bei jungen Zeitgenossen auch in der Erinnerung nicht vor. Die Republik ist 60 Jahre alt geworden, da kann nicht mehr jeder Bundesrepublikaner Zeitzeuge gewesen sein. 

Nun hat der Publizistik- und Kommunikationswissenschaftler Scharf mit seiner Analyse der politischen Kultur von 1945 bis heute in 20 publizistischen Kontroversen dargelegt und damit daran erinnert, worüber einst die Republik debattierte und was teilweise bis heute nachwirkt, weil es wichtige Fragen von grundsätzlicher Bedeutung waren. Dafür wertete er 899 Beiträge aus Meinungsführermedien wie Frankfurter Allgemeine Zeitung, Spiegel oder Zeit aus. 

Und diese drehten sich nach 1945 oft um den Nationalsozialismus. So die Debatte mit Literaturnobelpreisträger Thomas Mann über den Wert von Büchern, die von 1933 bis 1945 in Deutschland gedruckt werden konnten. Oder 1986 der „Historiker-Streit“, den Historiker Ernst Nolte auslöste und der bis 1988 anhielt, geführt von Historikern, Philosophen, Soziologen und Publizisten zu der Frage, ob der Holocaust vergleichbar ist mit Völkermorden.

Veränderte Streitkultur 

Aber neben dem Holocaust und der Debatte um ein Mahnmal, das in Deutschland an ihn erinnert, sind es auch andere Auseinandersetzungen, die die Entwicklung der deutschen Gesellschaft und ihrer Meinungsführerschaft verdeutlichen. So geht Scharf auf die Stasi-Literatur-Affäre 1991 oder auf das Schwarzbuch des Kommunismus ein, das 1997/98 die politischen Beiträge und die der großen Feuilletons ebenso bestimmte wie im Jahr 2006 der „Fall Grass“. Dieser ist Thema der zwanzigsten Kontroverse. Günter Grass wird damit zum Objekt wie zuvor Nolte oder Martin Walser – und sie waren auch beteiligt an vorherigen Debatten über andere Personen.

Scharf, Leiter der Abteilung Publikzistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Göttingen, erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch für seine Zusammenstellung, die zu jeder Kontroverse die wichtigen Argumentationen wiedergibt. Abschließend kommentiert Scharf jede Auseinandersetzung. Gelungen ist ihm ein Rückblick, der die deutsche Befindlichkeit sowohl in der jeweils geführten Form der Debatte als auch mit dem zum Thema gemachten Disput knapp und nachvollziehbar charakterisiert. 

In seiner Bewertung der von ihm ausgewählten Kontroversen und mit den Argumenten der Beteiligten macht der Autor deutlich, wie sich von der Zeit der Besatzungszonen, der BRD bis 1990, der Zeit der Wiedervereinigung und nun der Berliner Republik Streitkultur und Argumente verändert und liberalisiert haben. Was nach Ansicht von Scharf noch fehlt, ist die Aufarbeitung der Geschichte der DDR und die kontroverse Diskussion darum. Deren Dokumentation muss warten.

Wilfried Scharf: „Deutsche Diskurse. Die politische Kultur  von 1945 bis heute in publizistischen Kontroversen“. Academic Transfer, Hamburg 2009, 232 Seiten, 29,90 Euro. 

Von Angela Brünjes

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