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Regional Konzert im Dots: So wird aus Bowie-Songs Jazz
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22:30 06.08.2019
Harmonisches Zusammenspiel auf hohem Niveau: Das Projekt H.K.S.K.K. play Bowie Quelle: Jörg Linnhoff
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Göttingen

Der Hamburger Jazzbassist Giorgi Kiknadze ist zu einem gern gesehenen Stammgast auf der Bühne des Dots geworden. Nachdem er zuvor schon mit unterschiedlichen Besetzungen im Innenhof des Börnerviertels aufgetreten ist, hat er nun die zahlreichen Besucher mit seinem frisch initiierten Projekt „H.K.S.K.K. play Bowie“ begeistert.

Kiknadze, der sein Kontrabassstudium an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg absolvierte, ist er einer der meistbeschäftigten Bassisten in Norddeutschland. Bis vor rund vier Jahren habe er Bowies Musik nicht gekannt, erzählt Kiknadze in einem Gespräch vor dem Konzert. Ein Freund habe zum Tod von BowieThe Man Who Sold The World“ auf Facebook gepostet. Schnell sei er fasziniert von den Kompositionen Bowies gewesen. Beim Hören habe er dann viele musikalische Besonderheiten in den Songs entdeckt. Kurze Zeit später rief er das Projekt „H.K.S.K.K. play Bowie“ ins Leben, das im März 2018 im Hamburger Jazzraum im Hafenbahnhof zur gefeierten Uraufführung kam.

Bowies Songs ein eigenes Gesicht geben

H.K.S.K.K. steht schlicht für die Anfangsbuchstaben der Nachnahmen der beteiligten Musiker. Neben Kiknadze am Kontrabass sind dies Adrian Hanack am Tenorsaxofon, Schlagzeuger Silvan Strauß, Lukas Klapp am Piano sowie der Gitarrist Sven Kerschek. Bei der Zusammenstellung der Musiker habe er Hanack sofort als Stimme Bowies gesehen, so Kiknadze. Da, wo der Gesang speziell war, hätte er sich in der Bearbeitung etwas Besonderes überlegen müssen. Dabei gehe es ihm nicht um das schlichte Kopieren, sondern darum, „den Songs ein eigenes Gesicht zu geben, ohne ihre Seele zu zerstören“.

Open-Air-Sommer im Dots

Mit drei weiteren Veranstaltungen geht der Open-Air-Sommer auf der Innenhofbühne des Dots im Börnerviertel zu Ende.

Das Buchfink Theater präsentiert am Sonntag, 11. August, um 15 Uhr im Rahmen des Larifari Kinderprogramms Hintertürgeschichten und kuscheltierische Abenteuer mit Figuren und Musik ab drei Jahren.

Ebenfalls am Sonntag, 11. August, um 20 Uhr trägt Karsten Zinser „voller Inbrunst, voll von Energie, immer mit einem Hauch von Pathos und einer Prise Ironie“ Stücke des französischen Chanson-Sängers Jaques Brel vor. Zinser ist seit 2014 festes Ensemblemitglied am Jungen Theater. Begleitet wird er von Tobias Schwencke am Klavier. Einlass ist um 19:30 Uhr.

Am Sonntag, 25. August, um 20 Uhr endet die Veranstaltungsreihe mit der Berliner Künstlerin „Kid Be Kid“ zu Live-Beatboxing, Gesang und Klavier. „Ihre Songs leben von Offenheit und Spontanität, von Ruhe und Kraft, von Poesie und Minimalismus“, heißt es in der Ankündigung.

Mit „Ashes To Ashes“ vom 1980er Album „Scary Monsters“ setzen sie gleich zu Beginn ein rockig pulsierendes Zeichen mit wiedererkennbarem Refrain. „Let´s Dance“ beginnt mit feinen perkussiven Spielereien, bevor sie das Stück in eine sehr freie Interpretation skelettieren. Kiknadzes balladenartige Eigenkomposition „Bowie“ ist nach eigener Aussage eine persönliche Widmung mit harmonischen Besonderheiten. „The Man Who Sold The World“ verpassen sie einen Bossa Nova Rhythmus und „Ziggy Stardust“ kommt mit verspieltem Orgel-Intro, bevor es zu einem rockigen Ungetüm wird. Mit offensichtlichem Spaß am Zusammenspiel harmonieren die Musiker auf ganz hohem Niveau.

„Blackstar“ mit spacigen Orgelklängen

Das in Teilen sehr schräge und nicht leicht goutierbare Meisterwerk „Blackstar“, dessen Titelstück Klapp zum Abschluss mit sehr spacigen Orgelklängen garniert, hat der bei der Aufnahme schon vom Tod gezeichnete Bowie mit renommierten Jazzmusikern aufgenommen.

Harmonisches Zusammenspiel auf hohem Niveau: Das Projekt H.K.S.K.K. play Bowie Quelle: Jörg Linnhoff

Er habe erst rund ein Drittel des gesamten Oeuvres von Bowie gehört, sagt Kiknadze nach dem Konzert. So ergebe sich bei weiterer Sichtung immer wieder die Möglichkeit, neue Bearbeitungen einzubringen. Zwei solcher „Uraufführungen“ haben sie an diesem Abend im Programm. Das nicht so bekannte „Oh You Pretty Things“ vom 1971 veröffentlichten Album „Hunky Dory“ präsentieren sie in einer sehr freejazzigen Fassung. Die Zugabe „Rebel Rebel“ vom 74ger Album „Diamond Dogs“ trägt ein durchgängiger Beat, auf dem Hanacks Saxofon die Stimme zum allseits bekannten Refrain erhebt.

Das Ensemble ist in dieser Besetzung nicht sehr häufig zu sehen, da jeder der fünf Musiker noch in zahlreichen anderen Projekten unterwegs ist. Somit war das außergewöhnliche Konzert ein wahrer Glücksfall für die rund 130 begeistert applaudierenden Besucher.

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David Bowie: Sein Leben

Er war der Mann, der vom Himmel fiel. Und das gerade rechtzeitig, als die Popmusik Anfang der Siebzigerjahre ein wenig absehbar und langweilig zu werden begann. Ein feingliedriger Brite in seinen frühen Zwanzigern erschien da in den Musikmagazinen, knochig, beunruhigend schön und doch sehr sehr fremdartig.

David Bowie, gelernter Pantomime aus Brixton, begriff das Wort „Star“ im Doppelsinn, inszenierte sich fortan in immer neuen Verkleidungen und Persönlichkeiten. Wie ein außerirdisches Wesen, das wieder und wieder in hinreißender Vergeblichkeit versucht, als Mensch durchzugehen. Das dabei aber hoffnungslos aus der Masse heraussticht: androgyn, charismatisch, unnahbar, einzigartig.

18 Monate Kampf gegen den Krebs

Bowies berühmteste Band hieß entsprechend Spiders from Mars, sein erster Hit war 1969 die Ballade „Space Oddity“ über den Raumfahrer Tom, der es nicht zur Erde zurückschaffte. Er sang als Bühnenfigur Ziggy Stardust vom „Starman“, fragte „Is there Life on Mars?“, spielte in Nicolas Roegs Film „The Man who fell to Earth“ ein Alien und verkündete zuletzt auf seinem erschienenen neuen Album zu einem Science-Fiction-Video, er sei „no Pop-Star!“

Nur drei Tage später, zur späten Frühstückszeit, summten dann die Eilmeldungen in den Smartphones und Computern auf: „David Bowie ist tot“. Ein Schock. Niemand hatte etwas geahnt von seinem 18 Monate währenden Kampf gegen den Krebs.

Bowies Musik war immer anders

David Bowies Musik war immer anders und besonders, war schräg, spannend, aufsehenerregend. Geprägt war der 1947 als David Robert Jones geborene Musiker und Sänger von Rock’n’Roll, Musicals und Jazz, von Rhythm’n’Blues und Soul sowie von dem Verspielten und Psychedelischen, das die Beatles in den Pop gebracht hatten: „Come on and buy my Toys“ hieß ein folkiger Song von seinem ersten Album, das 1967 noch mit wenig Begleitfurore erschienen war.

Und Musik war fortan Bowies Hauptspielzeug (er war auch Schauspieler und Maler), mit dem das schönste Spiel zu spielen war – das der Überraschungen. Der Pioniergeist der Sechzigerjahre lebte in diesem dünnen, blonden Mann fort. Und so erwartete man jede seiner Singles, jedes seiner Alben, auch in seinen hochkommerziellen Achtzigerjahren, mit Vorfreude. Wissend, dass das Nächste niemals so sein würde wie das Vorherige, dass da einer seinen Hörer herausfordern, überwältigen, durchaus auch befremden und vor den Kopf stoßen wollte.

Seine erste Nummer Eins

Wer anders als Bowie hätte die Krone des Glamrock hingeworfen, als wäre sie ein alter Hut. 1975 geschah das. Da war Rock schon eine extrem vorsichtige Musik geworden. Die meisten großen Bands verharrten bei ihren Sounds, erfüllten Erwartungen, um nur nicht vom Olymp abzurutschen. Bowie war auf der „Diamond Dogs“-Tour im Sommer 1974 noch der König der exaltierten Stimmen und der blasierten Riffs gewesen.

Das Album „Young Americans“ war im Frühjahr 1975 voller Rhythmus, Chorgesänge und David Sanborns smoothem Saxofon. Plastic Soul nannte der amüsierte Bowie seine Variante der Black Music. Die exaltierte Stimme des Thin White Duke erklang zum funkigen „Fame“ (bei dem ihm Ex-Beatle John Lennon als Duettpartner assistierte). Und die vielen, die Bowie ob dieses Stilbruchs kreativen Selbstmord prophezeit hatten, staunten nicht schlecht. Der Song wurde sein erfolgreichster bis dato, seine erste Nummer Eins in den Billboard-Charts. Die Welt tanzte jetzt zu Bowie-Songs.

David Bowie in Berlin

1977 passierte das Gleiche wieder. Fort Berlin war damals die engste und spannendste Stadt der Welt. Bowie war 30 und mittendrin, nahm in der Mauerstadt in den Hansa-Studios seine Alben auf. Und machte jetzt Maschinenmusik, schickte zudem diesen unglaublichen New-Wave-Song über eine Mauerliebe in den Äther, mit neonkühlem Sehnsuchtssynthesizer und Oszillatoren, dazu dem Feedback von Robert Fripps Gitarre: „We can be Heroes just for one Day“ sang Bowie. Und er sang es auch auf Deutsch: „Dann sind wir Helden für einen Tag.“

Es ging um die romantische Vorstellung vom Aufsteigen, Strahlen, Verlöschen, Unvergesslichwerden in einem einzigen großartigen Moment. Um den einen Tag, den besten, der alle vorherigen wettmacht. Und danach keinen mehr, bitte!

Superstar und Stadionrocker

Und dann kommt eben doch der nächste und nächste und nächste … endlos. Davon erzählte „The Next Day“, das Comebackalbum von 2013 nach fast zehn Jahren Kreativpause. Bowie hatte dafür das alte Cover von „Heroes“ einfach mit einem weißen Etikett zugeklebt. Das machte Sinn. Es ging jetzt um die nicht eingelösten Versprechen des Lebens, das lange, langsame Verlöschen, das der höchsten Euphorie folgt.

Dazwischen war Bowie ein Superstar und Stadionrocker gewesen, hatte mit „Let’s Dance“ und „China Girl“ die Discos der Welt erobert, hatte Duette mit Queen, Tina Turner, Mick Jagger und dem Jazzgitarristen Pat Metheny eingespielt, und war mit der Band Tin Machine in eine künstlerische Krise gestürzt. Hatte sich nach einem Herzinfarkt 2004 von der Bühne abgemeldet. Und sang nun in dem Song „The Stars (are out Tonight)“ die Zeile „Ich hoffe, sie leben für immer“. Ein Lied, das nach Strafe und Verdammnis für die eigene Kaste klang. Und nach dem Beginn eines großen Alterswerks. Das kurz ausfiel.

Ein schwer zu akzeptierender Tod

Ganz am Ende hatte er auch wieder die Nase ganz vorn, als er mit „Blackstar“ seinen „Abschied vom Rock’n’Roll“ nahm, wie die deutsche Ausgabe des Musikmagazins „Rolling Stone“ titelte. „Blackstar“ hatte Bowie mit Jazzmusikern eingespielt, also nannte man es mangels Begriff in der ersten Hilflosigkeit Jazz. „Etwas geschah, an dem Tag, als er starb“, raunt Bowie im Titelsong, dessen Zeilen nun ganz anders gelesen werden. „Seine Seele erhob sich und trat zur Seite. Jemand anderes nahm seinen Platz ein.“

Jemand anderes ist aber nicht auszumachen. Und so ist es noch schwerer zu akzeptieren, dass David Bowie tot sein soll. Man will sich anderes vorstellen. Dass der Mann, der vom Himmel fiel, nur für eine Zeit wieder dorthin zurück gekehrt ist.

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Die wichtigsten Bowie-Songs

David Bowie war ein „Album-Künstler“, der ausgefeilte Songsammlungen anbieten wollte. Aber er kannte auch den Wert von einzelnen Liedern und Hit-Singles im Pop. Hier einige seiner besten:

Beeindruckt von Stanley Kubricks Film „2001: A Space Odyssey“ und kurz vor der ersten Mondlandung schreibt Bowie das traurige Lied „Space Oddity“ (1969). Die Geschichte des Astronauten Major Tom, der nach einer Havarie angstvoll ins All driftet und sich von seiner Frau verabschiedet, berührt bis heute.

Verspäteter HitDie 1973 von RCA nachträglich veröffentlichte Single „Life on Mars?“ aus dem Album „Hunky Dory“ (1971) klettert bis auf Platz 3 der Single-Charts und bleibt 13 Wochen vorne. Trotz des abermals mit der Weltraum-Faszination spielenden Titels geht es hier ganz erdverbunden etwa um ein Mädchen, Liebesprobleme und vieles mehr.

Kaum ein Song der ersten Jahre verströmt so viel Energie wie „Suffragette City“ (1972). Die Gitarre von Mick Ronson, ein entfesseltes Boogie-Piano und Bowies kreischender Gesang gehören zum Stärksten, was der kurzlebige Glamrock zu bieten hatte. Am besten direkt danach vom „Ziggy“-Album auch „Moonage Daydream“ hören!

Die Faszination für neue deutsche Rockmusik ergreift Bowie schon früh: „Meine Lieblingsgruppe ist Kraftwerk“, sagt er Mitte der 70er Jahre. Der Album-Eröffnungstrack „Station to Station“ (1976) zeugt davon. Zuggeräusche, lange Instrumentalpassagen und dieser unwiderstehliche Rock-Groove - ein Songmonument.

Wenn es ein ikonisches Lied von David Bowie gibt, dann wohl „Heroes“ (1977). Der kurze Blick auf ein küssendes Pärchen vor der Berliner Mauer soll ihn zu dem Text inspiriert haben, von dem es auch eine radebrechend-charmante deutsche Version gibt. Eine gänzlich unpeinliche Pophymne, ein Gänsehaut-Song für die Ewigkeit.

In den 80ern tut sich Bowie erfolgreich mit anderen Promis zusammen, etwa Freddy Mercury oder Mick Jagger. Der wohl schönste Song dieser Ära entsteht mit der Fusion-Jazz-Band Pat Metheny Group. „This Is Not America“ (1985) gehört zum Soundtrack eines Films, den man im Gegensatz zu dieser Midtempo-Ballade längst vergessen hat.

Im Gegenteil, mit „Where Are We Now?“ (2013) erhebt Bowie die Berliner Jahre von 1976 bis 1978 zu einer seiner prägenden Karrierephasen. Er besingt mit fragiler Stimme den Potsdamer Platz, den einstigen Stammclub „Dschungel“, das Kaufhaus KaDeWe - und den Mauerfall. Nostalgisch und sehr bewegend.

Die biblische Figur eines von den Toten erweckten Menschen liefert die Vorlage für den letzten großen Song Bowies zu Lebzeiten. „Lazarus“-Text und -Video erschüttern mit ihrer Endzeitstimmung - der krebskranke Sänger wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Ein Abschied in größtmöglicher Würde.

Am 20. April 1992 gedachten David Bowie und Annie Lennox mit einem legendären Auftritt dem im vergangenen November verstorbenen Freddie Mercury. Knapp 20 Millionen Menschen haben sich den Clip bis heute auf YouTube angesehen.

David Bowie bei „Wetten, dass...“Einen gelangweilten Eindruck machte Bowie 1999 in der Kultshow „Wetten, dass...“. Dort gab das „Chamäleon der Musikszene“, wie Moderator Thomas Gottschalk ihn damals betitelte, seinen Song „Thursday’s Child“ zum Besten.

Von Jörg Linnhoff und Matthias Halbig