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Regional Orffs Carmina Burana mit dem Göttinger Symphonie-Orchester
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14:14 08.06.2019
Das Podium randvoll gefüllt: Orffs Carmina Burana mit der Göttinger Stadtkantorei, dem Göttinger Knabenchor, Solisten und dem Göttinger Symphonie-Orchester unter der Leitung von Nicholas Milton in der Lokhalle. Quelle: Schäfer
Göttingen

Für diesen letzten Abend der Saison im Zyklus der Promenadenkonzerte in Kooperation mit der Universität Göttingen hatte Chefdirigent Milton ein ungemein attraktives Programm zusammengestellt. Schostakowitschs Festliche Ouvertüre op. 96 diente als pompöse Eröffnung, gefolgt von der in raffinierten Klangfarben schwelgenden Feuervogel-Suite Igor Strawinskys und, zum krönenden Abschluss, Carl Orffs Carmina Burana.

„Was für ein Event!“, staunte kurz vor Beginn eine Konzertbesucherin angesichts der Scharen von Menschen, die in die Halle strömten. Für diese Halle hatte Milton das Programm perfekt maßgeschneidert: Kolossale Klänge passen in der Tat hervorragend zu den Dimensionen des Raumes. Außerdem, das sei vorweg hervorgehoben, waren es ausgesprochen sensible Tontechniker mit musikalischem Sachverstand, die die Verstärkeranlage regelten: Nirgends klang es künstlich, immer blieb die Schallquelle lokalisierbar, auch die leichte Hall-Beigabe zu den Stimmen der Vokalsolisten der Carmina Burana blieb moderat.

Temperamentvolle Musik mit rhythmischer Prägnanz

Seine Festliche Ouvertüre schrieb Schostakowitsch für einen Jahrestag der Oktoberrevolution. Doch leeres Pathos ist diesem geistvollen, einfallsreichen Komponisten fremd. Stattdessen präsentiert er eine temperamentvolle Musik mit rhythmischer Prägnanz, die auch jenseits ihrer ursprünglichen Zweckbestimmung zündet und mitreißt. Das arbeitete Milton mit seinen konzentrierten, virtuosen Instrumentalisten vorzüglich heraus, die vielfach geforderten Blechbläser setzten brillante Glanzlichter.

Abschied

Zwei GSO-Musiker haben mit diesem Abend ihr aktives Berufsleben beendet und wurden von Milton mit großer Herzlichkeit („Wir sind eine Familie“) öffentlich verabschiedet: die Violinisten Nikolaus Kardos, seit 1985 am GSO (Milton: „Von Ihnen habe ich nie eine falsche Note gehört!“), und der Zweite Konzertmeister Wojtek Bolimowski, der, so Milton, am Valentinstag 1981 aus Warschau nach Göttingen gekommen war.

In Strawinskys Feuervogel-Suite ist die Klangfarbenpalette noch wesentlich reicher bestückt. Der Komponist malt den sich aufschwingenden Vogel mit flirrenden, rauschenden Figuren, zeichnet die bedrohlichen magischen Kräfte des bösen Zauberers Kaschtschej mit gefährlich in tiefen Bassregionen grummelnden Passagen. Kontrastreich sind die musikalischen Charaktere gegeneinandergestellt, sie reichen von der märchenhaften Stille des Zaubergartens über die liebliche Ruhe eines Wiegenliedes, die Zärtlichkeit eines Liebeslieds und die barbarische Wildheit des Höllentanzes bis hin zu den hymnisch-majestätischen Klängen des Schlusses, bei denen man eine feierliche Prozession zu erblicken meint. All diese Wirkungen traten dank Miltons kluger Dramaturgie, der feinen Differenzierung der Farbwerte und der mannigfachen dynamischen Nuancen aufs Schönste hervor. Das Orchester ist auch reichlich mit solistischen Aufgaben betraut, die die Musikerinnen und Musiker des GSO mit bewundernswerter Bravour bewältigten.

Carmina Burana mit etwa 100 Choristen

Das effektvollste Werk aber hatte Milton für den Schluss des Abends aufgehoben, Carl Orffs Carmina Burana. Mit drei Gesangssolisten, den rund 100 Choristen der Göttinger Stadtkantorei (einschließlich der Männerstimmen des Knabenchors), zu denen sich gen Ende noch 16 Knaben des Göttinger Knabenchors gesellten, und dem reich besetzten Orchester war die Kapazität des großen Podiums der Lokhalle maximal genutzt. Doch das große Aufgebot wirkte beileibe nicht seiner Masse wegen, sondern ist ein Garant für eine ungewöhnlich große musikalische Vielfalt, für die Milton am Dirigentenpult mit Temperament und Klangsinn sorgte.

Sehr präzise, intonationssicher und wohlartikuliert sangen die Choristen ihren Part. Hell timbriert, auch in den Spitzenlagen strahlend war der Sopran von Juliana Zara, kraftvoll, vor allem in der Höhe sehr geschmeidig der Bariton von Changbo Wang. Ein Extralob gebührt dem Countertenor Georg Bochow, der nicht nur ausdrucksstark sang, sondern auch seine Rolle des gebratenen Schwans mit einer wunderbaren Choreographie ausstaffiert hatte: ein musikalischer und optischer Genuss gleichermaßen. Der Schlussbeifall des begeisterten Publikums erreichte ähnliche Lautstärkegrade wie zuvor Chor, Orchester und Solisten auf dem Podium. Als Dank dafür gab es den Chor „O Fortuna“ als Zugabe noch einmal.

Von Michael Schäfer

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