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Regional Kraftklub rocken die Lokhalle vor 5000 Fans
Nachrichten Kultur Regional Kraftklub rocken die Lokhalle vor 5000 Fans
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00:26 25.03.2018
Kraftklub rocken in der fast ausverkauften Lokhalle in Göttingen.
Kraftklub rocken in der fast ausverkauften Lokhalle in Göttingen. Quelle: Swen Pförtner
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Göttingen

Der Vorhang ist rot. „Keine Nacht für Niemand“ steht in weißen Lettern darauf. Aus den Boxen dröhnen „Keine Macht für Niemand“ von Ton, Steine, Scherben und „TNT“ von AC/DC. Die Stimmung unter den 5000 Fans ist prächtig – die Vorband Faber hatte gute Vorarbeit geleistet. Als der erste Akkord von „Hallo Nacht“ erklingt, sich die Band in ihren roten Harrington-Jacken, schwarzen, knallengen Röhrenjeans und weißen T-Shirts im Scheinwerferlicht hinter dem Vorhang schemenhaft abzeichnet und der Vorhang fällt, brandet frenetischer Beifall auf.

„Kraftklub“ in der Göttinger Stadthalle

„Ich brauch’ keinen Schlaf. Der Kaffee ist stark. Die Nacht ist der schönste Tag“, singt Felix Brummer im Opener in die Menge. Die singt mit. Von den ersten Zeilen bis zum letzten Stück der Zugabe nach energiegeladenen zwei Stunden. Brummer hat als Frontmann das Publikum mit seiner unglaublichen Präsenz in der Hand. Das minimalistische und geschmackvolle Bühnenbild, abgefackelte Pyros, ein gottesdienstähnlicher Aufzug und ein Auftritt von Fahnenschwingern tun für einen sound- und bildgewaltigen Abend ihr Übriges.

Die Setlist ist ein Best-Of der beiden Alben „In Schwarz“ und „Keine Nacht für Niemand“. „Chemie Chemie Ya“, „Schüsse in die Luft“, „Alles wegen Dir“, „Ich will nicht nach Berlin“ und „Song für Liam“ etwa fehlen nicht.

Warten auf Kraftklub vor der Lokhalle Quelle: R

Dass Kraftklub den Fundus der Rockmusik der vergangenen 50 Jahre nach Riffs und Melodien durchforstet haben und die besten Ideen abgekupfert, spielt keine Rolle. Im Hip-Hop und R’n’B ist schließlich der komplette Backkatalog von Motown und Stax inzwschen auch gefühlt mindestens fünfmal komplett durchgesampelt worden.

Kraftklub – Eure Mädchen

Die schneidenden Gitarrenriffs von Rhythmusgitarrist Karl Schumann klingen nach Hardrock der 70er, nach den schwedischen Garagenrockern The Hives, nach den Punk-Legenden The Buzzcocks. The Strokes, The Libertines, Art Brut oder Franz Ferdinand sind auch nicht unbekannt.

Überhaupt Sampling: Selten klang ein von Brummer von Mick Jagger aus „Sympathy for the Devil“ übernommenes „Woo woo, woo woo“ zwingender als in „Liebe zu dritt“. In „Karl-Marx-Stadt“ schaut Becks „Loser“ vorbei. „Sklave“ bedient sich bei „Smalltown Boy“ von Bronski Beat und „Bitte, bitte“ von den Ärzten. Gemeinsam mit Faber spielen Kraftklub Icona Pops Dancefloor-Kracher „I love it (I don’t care)“, inklusive knutschenden Männerpärchen auf der Bühne.

Warnung vor der Lautstärke. Quelle: Brakemeier

Bei der Coverversion des Anti-Nazi-Songs „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten und „Karl-Marx-Stadt“ zeigen Kraftklub, dass sie bei aller Partytauglichkeit durchaus auch eine politische Band sind. Das Publikum schreit voller Inbrunst bei „Schrei nach Liebe“ „Arschloch“ in die Halle. „Nazis raus! Nazis raus!“-Rufe erfüllen die Halle.

Die Ärzte - Schrei nach Liebe (Kraftklub Live Cover)

Nach „Karl-Marx-Stadt“ („Ich steh auf keiner Gästeliste, ich bin nicht mal cool in einer Stadt, die voll mit Nazis ist, Rentnern und Hools“) sagt Brummer: „Wir kommen aus Sachsen. Von dort, wo die AfD ziemlich abgerockt hat.“ Nazis-Raus-Rufe würden bei ihnen etwas bedeuten. Auch wenn es ein wenig nach Jugendclub rieche. „Wir freuen uns darüber. Gegen Rassismus, Faschismus und Homophobie.“ Was mit linker Attitüde mit der Referenz zu „Ton, Steine, Scherben“ angefangen hat, findet hier seine Fortsetzung. Ganz so, als gebe es in der Welt da draußen keinen Rechtsruck, kein Erstarken rechter Populisten.

Kraftklub – Karl Marx Stadt

Nach einer Zugabe inklusive Fahrt der Band durch das Publikum und einem Crowdsurf-Wettbewerb zurück zur Bühne entließen Kraftclub ihre erschöpften aber glücklichen Fans mit „Junimond“ von Scherben-Sänger Rio Reiser aus der Hallenanlage hinaus in die Nacht. Der Kreis hatte sich geschlossen. Doch irgendwo da draußen huschten Tweets von AfD, Pegida oder IB weiter durch unzählige Timelines in Sozialen Medien.

Nach Kraftklub in den Club: Die Tangente lockt mit der After-Show-Party. Quelle: Brakemeier

Von Michael Brakemeier

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