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Regional Kunst- und Kulturfestival „Denkmal! Kunst! – Kunst! Denkmal!“ in Hann. Münden
Nachrichten Kultur Regional Kunst- und Kulturfestival „Denkmal! Kunst! – Kunst! Denkmal!“ in Hann. Münden
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00:16 02.10.2013
Spielt in der neuen Ausstellung mit Zitaten und Bezügen: der Australier Dean Hills zwischen seinen Skulpturen. Quelle: Hinzmann
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Hann Münden

Die Veranstaltung will auf unsanierte und ungenutzte Altbauten aufmerksam machen, sie findet zum vierten Mal statt. Szenenbilder des US-amerikanischen Filmemachers Busby Berkeley hätten ihn inspiriert, erzählt der stille Hills.

Berkeley ließ Frauen auf eine überdimensionierte Torte klettern, die Torte rotieren und die Frauen in einer identischen Tanzbewegung erstarren. Hills’ Skulpturen haben Titel wie „Drehender Turm mit blauem Plüschhocker“, er hat sie im Kreis aufgestellt und steht selber mitten drin, ganz ruhig, fast scheu.

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Zwischen Altären aus Plüschhockern und Plastikblumen, über denen sich Babyfiguren im Kreis drehen, und Monstranzen mit krabbelnden Plastik-Babys und Discokugeln.

„Du bist wahnsinnig“, sagt einer von Hills Freunden, der gekommen ist. Hills (Jahrgang 1962) spielt mit Zitaten – Madonna und Elvis Presley fallen einem ein, Versatzstücke aus der amerikanischer Popkultur. Hills spricht von „references“, und der Laptop in der Ecke spielt den Soundtrack von Busby Berkeley.

Introvertiert-vergeistigte Ausstrahlung

Auch Daniel Castiglione lässt Musik spielen. In seinem Raum in der Destille singt Georges Brassens (1921-1981), ein Dichter, Chansonnier – und in seinem Heimatland Teil der anarchistischen Bewegung. „Den haben sie richtig mundtot gemacht“, sagt Castiglione, die selbstgedrehte Zigarette in der Hand, und läuft schnell zum Laptop.

Hier im Hann. Mündener Altbau darf der Franzose wieder zu Wort kommen – und Castiglione rauchen. Der gelernte Erzieher sieht aus, als könne er mit Radiohead-Frontmann Thom Yorke verwandt sein und hat dessen introvertiert-vergeistigte Ausstrahlung. In Castigliones Raum liegt alles im Halbdunkel, das passt gut zu den Skulpturen.

„Rettungsschirm“ heißt die eine: ein schwarzer Schirm ist angebracht auf dem Lauf eines Gewehres. „Everything must end“ heißt eine andere. Castiglione, der einmal Schweißer war, hat Kronkorken zu einem Totenkopf zusammengeschweißt. Und jedes Bier selber getrunken, sagt er.

Rund 70 Ausstellungen gab es beim Kunst- und Kulturfestival „Denkmal! Kunst! – Kunst! Denkmal!“ in Hann. Münden zu bestaunen.

Jutta Gottschalt (55) trägt heute nur Grün. Denn „Begrünung“ das ist das Thema ihrer Ausstellung hinter der Stadtmauer. Zwei enge Etagen hat die Göttingerin zur Verfügung und noch einen verwinkelten Treppenaufgang.

Den Platz hat sie ausgenutzt, schon im Erdgeschoss wird es eng, wenn man sich an der „Grünfläche“ vorbeischiebt – einem Rechteck auf dem Boden, das mit grünen Gegenständen vollgestellt ist. Gottschalt verarbeitet Dinge, die ihr geschenkt wurden, Gegenstände, die jemand anderes nicht mehr haben wollte.

Oben hat sie unter anderem Totholz und Glühlampen grün umhäkelt. Für die nächste Schau sucht Gottschalt schon wieder – dieses Mal blaue Dinge.

Bei Kohlen-Hesse hat sich der Göttinger Manfred Pilz mit feuchten Wänden arrangiert. Seine Bilder-Reihe zu Fischgräten hängte er einfach vor die zerschlissene Tapete, entsprechende Drahtbefestigungen bereitete er noch vor. Vorne hat der 70-Jährige „Geflügelte Worte“ aufgestellt.

Serie von Klopapierrollen

Auf etwa 170 Ständern sind Papierflieger angebracht, auf den Zetteln steht flächendeckend: „Worte“. Und so geht es weiter. Im zweiten Raum zeigt Baskenmützenträger Pilz mit dem Finger auf die „Worthülsen“, von denen man umgeben ist. Pilz hat sie aus Toilettenpapierrollen geformt, Sandfarbe darauf gegeben und auf sie immer wieder „Wort“ geschrieben.

Und weil Worthülsen so stark verbreitet sind, hat Pilz auch von den Klopapierrollen eine Serie gemacht. Pilz lacht, während er durch seine Räume geht. In Conny Hillers Ausstellung in demselben Gebäude vergeht einem dann aber wieder das Lachen.

Hiller greift Märchenstoffe auf, und wem bisher noch nicht aufgefallen ist, dass das „Rotkäppchen“ und „Schneewittchen“ Geschichten voller Brutalität sind, wird die Brüder Grimm spätestens nach dem Rundgang durch Hillers kleines Schreckenkabinett mit anderen Augen sehen.

Von Telse Wenzel

Bis Sonntag, 8. Oktober, von 11 bis 18 Uhr, geöffnet. Weitere Infos im Netz unter denkmalkunst-kunstdenkmal.de

Wie finde ich mich zurecht?

Ein Stadtplan mit den 20 Anlaufpunkten ist im Programmheft des Festivals enthalten, das es an allen Karten-Verkaufsstellen des Festivals zu kaufen gibt.  In der Hann. Mündener Innenstadt sind zusätzlich bunte Schilder vor den Häusern aufgestellt, in denen Künstler ausstellen.

Gehbehinderte oder ältere Besucher können sich von Schülern der Pflegeassistenz begleiten lassen. In diesem Fall wird um eine Anmeldung einen Tag vorher unter Telefon 0 55 4 1 / 750 gebeten.