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Regional Kunstwerk des Monats: „Apollo Belvedere“ von Hendrick Goltzius
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17:32 24.11.2013
Kommunikation unter Künstlerkollegen: Zeichner zu Füßen des Apollo. Quelle: EF
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Göttingen

Sechs Monate hielt sich Goltzius in Rom auf und fertigte Dutzende von Zeichnungen nach antiken Bildwerken wie der Laokoongruppe, dem Herkules Farnese oder dem Apollo Belvedere. Im Spätsommer 1591 kehrte er zurück “nicht mit leeren Taschen, denn kein Niederländer hat jemals … dort so viele und so gute Zeichnungen gemacht.” 

Die meisten dieser Antikenzeichnungen entstanden vermutlich als Vorarbeiten zu einer Stichserie für den nordeuropäischen Markt, in dem hochwertige Antikenstiche noch selten waren. Gleichwohl publizierte der Stecher von seinen zahlreichen Antikenzeichnungen zu Lebzeiten nur wenige - erst 1617, im Todesjahr, erschienen drei Kupferstiche. Zu ihnen gehörte auch derjenige nach dem Apollo Belvedere aus der Antikensammlung des Vatikan, damals dem meistbesuchten Studienort für ausländische Künstler überhaupt.

Goltzius‘ Stich des Apollo war nicht der erste nach der Statue des Sonnengottes. Aber er wurde der berühmteste in dem Versuch, die Darstellung einer Antike aus ihren marktüblichen Konventionen zu befreien, zu subjektivieren und zugleich das Pathos der Antikenverehrung ironisch zu brechen.

In die eigene Zeit versetzt

Statt der rahmenden Nische, in der die Statue aufgestellt war, zeigt Goltzius nur den lichtdurchfluteten Nischenraum, in dem ein Zeichner zu Füßen der Statue den Betrachter in die Rolle eines zweiten Zeichners vor dem Bild versetzt. Aus seiner Untersicht gewinnt das antike Bildwerk an Pathos und Präsenz, aber auch an Alltagsbezug und wird zum Ort der Kommunikation unter Künstlerkollegen.

Da die in Rom entstandene Kreidevorzeichnung den Zeichner noch nicht zeigt, scheint Goltzius den Situationscharakter seines Stichs erst im Nachhinein entwickelt zu haben. Im Unterschied zu dem klassisch auskomponierten Statuentorso, der ihm aus Darstellungen von Schülern Raffaels bekannt war, ist sein Apollo die in den eigenen Zeithorizont versetzte Darstellung eines bewunderten Meisterwerks, dessen Lebendigkeit die steinerne Substanz des Originals fast vergessen lässt.

Der zweite Zeichner, vielleicht ein Schüler von Goltzius, machte Käufern des Blatts nicht nur die Bedeutung der päpstlichen Antikensammlung als einem der wichtigsten Studienorte Europas bewusst: Er enthielt zugleich die Aufforderung an jüngere Künstler, auch Reproduktionsstiche neben den seltenen Abgüssen als Anschauungsmaterial zu nutzen und damit die Ausbildung von Zeichnern und Malern von einer Romreise unabhängig zu machen. Doch sollten erst die akademischen Stichkompendien des 17. Jahrhunderts dieses Projekt realisieren.

Von Manfred Luchterhandt

Das Kunstwerk stellt Prof. Manfred Luchterhandt, Kunstgeschichtliches Seminar der Universität Göttingen, am 1. Dezember um 11.30 Uhr im Auditorium (Hörsaal Audi 11), Weender Landstraße 2, vor.