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Regional Kunstwerke des Monats Oktober: Kirchner-Holzschnitte
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16:00 03.10.2013
Ehrwürdig: Kunsthändler Ludwig Schames. Quelle: Kunstsammlung
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Göttingen

Zu den Schätzen der Universitätskunstsammlung gehören zwei Holzschnitte von Kirchner (1880-1938), dem führenden Vertreter der expressionistischen Künstlergruppe „Die Brücke“. Sie entstanden in den Jahren des Ersten Weltkriegs, die für Kirchner die verzweifelsten Jahre seines Lebens waren.

In einer biographischen Notiz über diese Zeit hielt Kirchner lapidar fest: „1915 Freiwilliger Artillerist. Wegen Krankheit entlassen. Taunusaufenthalt. 1917 Übersiedlung nach der Schweiz (Davos).“

Tatsächlich steckte hinter dieser knappen Schilderung ein völliger körperlicher und psychischer Zusammenbruch, den der Künstler während seiner Rekrutenausbildung in Halle erlitt.

Einer Entlassung wegen Dienstuntauglichkeit folgten Sanatoriums-Aufenthalte in Königstein im Taunus und Kreuzlingen am Bodensee, stets in Todesangst vor einer erneuten Einberufung. Inzwischen war Kirchner von Alkohol, Nikotin und dem Schlafmittel Veronal abhängig geworden, was zu Lähmungserscheinungen an Armen und Beinen führte.

Neue Naivität

Die Zeit von Dezember 1915 bis Juli 1916 verbrachte Kirchner im damals berühmten Sanatorium Kohnstamm in Königstein. In dieser für ihn ungewohnten ländlichen Umgebung beschäftigte er sich nach langer Pause wieder mit dem Motiv der Landschaft, nachdem er sich in seinen Berliner Jahren (1911-15) der Darstellung des modernen und hektischen Großstadtlebens gewidmet hatte.

Der Holzschnitt „Taunuslandschaft“ von 1916, von dem nur sieben Exemplare in den Handel gelangten, zeigt eine für Kirchner neue Naivität in der Gestaltung: Die Berge im Hintergrund schieben die Horizontlinie weit hinauf, davor sind im panoramahaft ausgebreiteten Raum einzelne Häuser und Bäume zwischen Äckern und Wiesen verteilt.

Im Vordergrund fährt eine Eisenbahn vorbei, deren runde Dampfwolken sich den geschwungenen Konturen der Berge und Hügel anpassen. Eisenbahnen waren ein Lieblingsmotiv von Kirchner, wurde er doch in Aschaffenburg am Bahnhof geboren und zeichnete schon als Dreijähriger aus dem Fenster seines Kinderzimmers die vorbeirollenden Züge.

„Kopf Ludwig Schames“

Nachdem Kirchner die erfolglose Behandlung in Königstein abgebrochen hatte, reiste er im darauffolgenden Jahr nach Davos, um in der klaren Höhenluft der Schweizer Berge seine Krankheit, die auch eine Lebenskrise war, zu lindern. Noch ahnte er nicht, dass er hier bis an sein Lebensende bleiben würde.

In dieser neuen Umgebung schuf er 1918 den Holzschnitt „Kopf Ludwig Schames“, der als eines der bedeutendsten Porträts in der Graphik des 20. Jahrhunderts gilt. Der Dargestellte ist ein Frankfurter Kunsthändler im Alter von 66 Jahren, dem Kirchner mehr als seinen anderen Händlern vertraute. Schames war ursprünglich Bankier in Paris, wo er als Sammler zeitgenössischer Kunst Kontakte zu Künstlern pflegte.

Kirchner stellt ihn in gütiger Strenge und patriarchalischer Ehrwürdigkeit dar. Er betont besonders die Augen unter den winkelförmigen Augenbrauen mit ihrem nach innen gekehrten Blick. Der weiße Vollbart verweist auf den strenggläubigen Juden, der Schames war.

Enorme Produktivität

Aus den feinen Schraffuren und Strichgittern strahlt das Porträt Ruhe und Sensibilität aus. Typisch für Kirchner sind die gezackten Linien, aber auch das unregelmäßige Format des hohen, schmalen Holzstocks.

Neben seinem malerischen und zeichnerischen Werk schuf Kirchner bis zu seinem Selbstmord in einer enormen Produktivität mehr als 2100 Druckgraphiken. Dabei war Albrecht Dürer sein großes Vorbild, und seit Dürer hat es auch kein so bedeutendes graphisches Werk in der deutschen Kunst gegeben.

Kirchners bevorzugte Technik war der Holzschnitt. Ihn bezeichnete er als „die graphischste der graphischen Techniken“.

Von Rudolf Krüger

Der Autor stellt das Kunstwerk am Sonntag, 7. Juli, um 11.30 Uhr im Auditorium, Weender Landstraße 2, vor.