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Regional Kuscheln unterm klatschnassen Plumeau
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17:10 21.06.2012
Von Peter Krüger-Lenz
Schlitzohr: Tevje (Michael Schanze, links) verhandelt mit dem Metzger (Ansgar Schäfer). Quelle: Freese
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Bad Hersfeld

Gleich mehrfach hat es der zuständige Redakteur geschafft, in der Zeitung der Bad Hersfelder Festspiele unterzubringen, das Musical „Anatevka“ könne vielleicht ein bisschen angestaubt sein. Natürlich würde es entstaubt, schrieb er, was er als Fachmann für Öffentlichkeitsarbeit schreiben muss. Und dann spielt Michael Schanze, der Gute-Laune-Onkel des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in den letzten drei Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts, auch noch die Hauptrolle, den Tevje. Kann das alles gut gehen? Es kann. Regisseur Stefan Huber hat das mit seiner Inszenierung, die am Dienstagabend Premiere in der Stiftsruine hatte, grandios bewiesen.

Die Vorstellung wurde zur Wasserschlacht. Es regnete immer wieder, einmal musste die Vorstellung für fast 30 Minuten unterbrochen werden, weil die Wassermassen drohten, sich von der Bühne in den Orchestergraben zu Instrumenten und Elektronik zu ergießen. Schanze und seine Kollegen ertrugen es mit Fassung und Humor. Das Premierenpublikum zeigte viel Mitgefühl, vor allem als Schanze als Tevje und seine Ehefrau Golde (Marianne Larsen) sich mit Todesverachtung in ein triefendes Bett unter klitschnasse Plumeaus kuschelten. Dort wollte Tevje seiner Gattin schonend beibringen, dass die älteste Tochter Zeitel nicht wie versprochen den reichen Schlachter Lejser Wolf heiratet, sondern den kirchenmausarmen Schneider Mottel. Das haben die beiden angehenden Brautleute ausgekocht und damit gegen die Tradition verstoßen. Bislang haben die Väter über das Leben ihrer Kinder entschieden, Punkt, aus.

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Der Sabbat ist heilig, die Familienhierarchie auch

Das alles spielt sich in dem ukrainischen Dorf Anatevka ab. Hier wohnen nur jüdische Familien, die ihre Tradition leben. Der Sabbat ist heilig, die Familienhierarchie auch. Man hilft sich, freut sich miteinander und feiert gemeinsam. Diese Welt ist heil, bis sie erschüttert wird, von innen wie von außen. Die Kinder entwickeln plötzlich ihren eigenen Kopf, und schließlich rücken die Schergen des Zaren an und vertreiben die Juden aus Anatevka. Wie sehr diese Welt aus dem Lot gerät, zeigt Bühnenbildner Stephan Prattes treffend. Er hat Tevjes Haus in Schieflage entworfen, alles scheint kurz davor, in den Abgrund zu rutschen. Die riesige Bühnenfläche in der Stiftsruine hat Prattes zudem intelligent genutzt und mit einigem Mobiliar ein ganzes Dorf geschaffen. Respekt.

Michael Schanze spielt Tevje mit gemütlicher Leibesfülle und ganz großem Herzen. Die Liebe zu seinen Töchtern lässt ihn die Tradition und damit sich selbst überwinden. Die beiden Älteren lässt er ziehen. Als sich die Drittälteste gegen den Glauben stellt, geht das auch Tevje zu weit. Doch vielleicht braucht er auch nur ein wenig Zeit. An Don Camillo und Peppone erinnern Tevjes Streitereien mit dem Fleischer Lejser Wolf wie auch seine Zwiesprachen mit Gott. Sie zählen zu den berührendsten Szenen. Oft menschelt es zum Herzerwärmen in der Inszenierung, meist ist das ein Verdienst von Schanze. Doch auch die Dänin Marianne Larsen hält als Tevjes Ehefrau mit. Sie zeigt eine warmherzige und lebenskluge Frau.

Gespür für richtigen Zeitpunkt für Gemächlichkeit und Tempo

Aber nicht allein die bemerkenswerten Darsteller bescherten der Premierenvorstellung einen großen Erfolg, Regisseur Huber hat das Stück in einem Guss inszeniert. Er hat offensichtlich ein untrügliches Gespür für den richtigen Zeitpunkt für Gemächlichkeit und Tempo. Ihm sind ganz intime kleine Szenen mit der gleichen Souveränität gelungen wie Menschenaufläufe. Gerade bei diesen großen Ensembleszenen hat Choreograph Markus Buehl­mann ganze Arbeit geleistet. Und das Orchester unter der Leitung von Kai Tietje begleitet den rund zweieinhalbstündigen Abend gut aufgelegt. Das Premierenpublikum feierte vor allem Michael Schanze. Doch auch das Regieteam erhielt tosenden Applaus für diesen berührenden, emotionalen und glanzvollen Abend.

Bis 5. August zahlreiche weitere Vorstellungen. Beginn ist meist um 21 Uhr, einige Vorstellungen starten bereits um 17 Uhr. Kartentelefon: 0 66 21 / 40 07 55.