Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Kuss-Quartett bei „Kultur im Kreis“ im Gutshof Sennickerode
Nachrichten Kultur Regional Kuss-Quartett bei „Kultur im Kreis“ im Gutshof Sennickerode
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:27 16.09.2014
Kuss-Quartett: Jana Kuss, Oliver Wille, Mikayel Hakhnazaryan und William Coleman (v.l.). Quelle: Schäfer
Anzeige
Sennickerode

Da kann man gut nachvollziehen, was mit dem Begriff Kammermusik einmal gemeint war. ,Zu Gast war das Berliner Kuss-Quartett, das zwischen Auftritten in Berlin, Bonn, der Ukraine und London – gewiss in größeren Sälen – Station auf dem Rittergut am Fuße der Gleichen machte. Das Programm: Haydns B-Dur-Quartett aus den „Preußischen Quartetten“ zur Eröffnung, anschließend Witold Lutoslawskis 1964 entstandenes einziges Streichquartett im Zentrum – und zum Abschluss Franz Schuberts spätes G-Dur-Quartett, entstanden zwei Jahre vor dem Tod des Komponisten.

Das Kuss-Quartett ist ein ausgesprochen stabiles Ensemble. Jana Kuss, die Primaria, und ihr Violinkollege Oliver Wille begannen mit dem Quartettspiel schon in der Schulzeit, als die Geigerin gerade 14 Jahre alt war. Seit 2002 ist der Bratscher William Coleman dabei, seit 2008 Cellist Mikayel Hakhnazaryan.

Anzeige

Kein Wunder also, dass sich die vier Musiker sehr genau kennen und dementsprechend genau aufeinander hören. Das machten sie gleich in ihrem sehr kultivierten, zugleich temperamentvoll Spiel im Haydn-Quartett deutlich: Hier hatte jede Phrase genug Zeit und Raum, sich zu entfalten, der Klang war perfekt ausbalanciert, die Hauptstimmen traten klar hervor, ohne sich allzu druckvoll aufzudrängen.

Lutoslawkis Quartett ist ein Sonderfall in der Kammermusik-Literatur: Hier kann jeder der vier Spieler in großem Maß frei über sein Tempo entscheiden. Stationen der Zusammenklänge sind zwar vom Komponisten vorgegeben, die Binnenstrecken dazwischen aber können sich von Aufführung zu Aufführung verschieden darstellen. Das ist eine Herausforderung für die Quartettspieler – und zugleich ein ganz besonderes Erlebnis für die Hörer, die sozusagen die Entstehung von Musik miterleben.

Monumentaler Schlussstein

Dass hier die jahrzehntelang gewachsene Fähigkeit der Musiker zur Interaktion besonders deutlich wurde, liegt auf der Hand. „Im Radio würde ich mir das bestimmt nicht anhören“, meinte eine Hörerin in der Konzertpause. Recht hat sie: Da fehlt nämlich genau jene Erlebniskomponente, die den Besuch eines Konzerts so einzigartig macht und die kein Lautsprecher vermitteln kann.

Schuberts gut dreiviertstündiges G-Dur-Quartett war der monumentale Schlussstein dieses ungewöhnlichen Abends. Die großen Dimensionen dieser Musik – formal wie emotional – bewältigte das Kuss-Quartett mit gelassener Souveränität, ließ Momenten tiefsten Schmerzes Passagen tänzerischer Anmut folgen, breitete einen ganzen Kosmos von Gefühlen aus. Dass diese Musik enorm hohe technische Anforderungen stellt, war angesichts der ausgereiften virtuosen Kunst der Ensemble-Mitglieder kaum zu bemerken. 

Die Zuhörer bedankten sich mit stürmischem Applaus. Zum Dank erhielten sie eine Zugabe: das Quartett-Arrangement von Tschaikowskys kleinem Kinder-Klavierstück „Träumerei“. Zum Träumen schön.

Von Michael Schäfer

„Kultur im Kreis“ wird am Sonntag, 21. September, fortgesetzt mit dem Auftritt der A-Cappella-Gruppe Klapa aus Berlin. Das Gastspiel beginnt um 17.30 Uhr auf Gut Besenhausen (Gemeinde Friedland).