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06:19 13.05.2012
Im Literarischen Zentrum: Judith Schalansky amüsiert sich über eine literaturwissenschaftliche Frage von Matthias Löwe.
Im Literarischen Zentrum: Judith Schalansky amüsiert sich über eine literaturwissenschaftliche Frage von Matthias Löwe. Quelle: Vetter
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Ihren Roman, einen absoluten Überraschungserfolg aus dem vergangenen Jahr, stellte die 31-jährige Autorin jetzt im Literarischen Zentrum Göttingen vor.

Für Lohmark sind Schüler Blutsauger, die sich von Lehrkörpern ernähren. Der eine unauffällig wie Unkraut, der andere Opfer auf Lebenszeit. Ein Grottenolm sei schöner als manch einer, und die vortragsgeile Klassensprecherin habe schon seit ihrer Geburt gewusst, welches Amt sie in der Schule übernehmen werde. In „Der Hals der Giraffe“ werden drei Tage im Leben einer des­illusionierten Biologielehrerin (55) beschrieben. Mit ihrem Mann führt sie nur noch eine Zweckehe, die Tochter hat sich ihr entfremdet, und gegenüber ihren Kollegen ist sie distanziert. Zu ihren Schülern ist sie eisern, fordert Leistung. Dann plötzlich fühlt sie sich zu einer Schülerin hingezogen.

Schalanskys Stimme beim Vorlesen hat sich in den vergangenen Monaten verändert. Sie sei leiser und gefühliger geworden, auf eine komische Art und Weise. „Als ich am Anfang vorgelesen habe, hatte ich einen richtigen Kasernen-Ton drauf.“ Auch das zeige ihr, dass sie langsam erst jetzt verstehe, was sie mit ihrem Roman eigentlich sagen wolle.

Zierde für jedes Bücherregal

In Göttingen verrät Schalansky Geschichten rund um ihr Buch. „Neulich hat sich der französische Übersetzer bei mir gemeldet und gesagt, dass er niemandem wünschen würde, ein Wort wie Quadratnestpflanzverfahren vom Deutschen in eine andere Sprache übersetzen zu müssen.“
Schalanskys Roman ist Zierde für jedes Bücherregal. Die studierte Kunsthistorikerin und Kommunikationsdesignerin achtet nämlich besonders darauf, dass der Inhalt des Buches auch zum Äußeren passt. Es hat einen Leineneinband wie ein altes Biologiebuch. „Er ist so unzeitgemäß wie die Protagonistin“, sagt die junge Autorin. Auf dem Titel ist ein kopfloses Giraffenskelett abgebildet. „Erst wollten wir den Kopf auf der Rückseite wieder auftauchen lassen, doch das hätte nicht zum Buch gepasst“, sagt Schalansky. Die „Buchmacherin“ hat auch die Schrift und die Bilder im Buch selbst gesetzt. Was sie nicht habe verhindern können: dass es ihren Roman auch als E-Book gibt. „Aber ich habe verhindert, dass die Leute das E-Book kaufen wollen“, sagt Schalansky lachend.

In „Der Hals der Giraffe“ erweist sich die überzeugte Darwinistin Lohmark, letztlich als Lehrerin, die Lamarck lehrt. „Und Lamarckismus bedeutet, Leben heißt, sich recken und strecken“, sagt Schalansky. Die Giraffe sei eine Metapher für das Unmögliche.

Judith Schalansky: „Der Hals der Giraffe“. Bildungsroman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 222 S., geb., 21,90 Euro.