Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional „Liebe wagt, was irgend Liebe kann...“
Nachrichten Kultur Regional „Liebe wagt, was irgend Liebe kann...“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:21 24.09.2016
Von Michael Caspar
Die musikalische Lesung im Amavi Wild
Die musikalische Lesung im Amavi Wild Quelle: Heller
Anzeige
Göttingen

Bezaubernd sanft, weich und warm ist Assheuers Stimme. Abwechselnd las sie mit Meyer im schummrigen Kellergewölbe in der Güterbahnhofstraße aus Werken der Weltliteratur. Dazu spielten Bardo Henning (Akkordeon) und Marika Gejrot (Cello) effektvoll Tangos. Und alle paar Minuten ließ ein schwerer Güterzug die Wodkaflaschen der Bar leise klirren.

Weit gespannt hatte Woelk, der Dramaturg des Abends, seine Collage. Vom biblischen Hohelied Salomos und Homers Ilias über Gottfried von Straßburgs Tristan und Isolde bis zu modernen Autoren reichte sie. William Shakespeares „Romeo und Julia“ konnte nicht fehlen. Die Worte des jungen Romeos, der sich trotz einer Familienfehde Julia nähert, gaben der Veranstaltung ihren Titel: „Und Liebe wagt, was irgend Liebe kann...“

Der Held in Ernest Hemingways Roman „Wem die Stunde schlägt“ trifft in den letzten Stunden seines Lebens die Frau seines Lebens. Statt sein Schicksal zu beklagen, genießt er den Augenblick. Die Zuhörer wurden Zeugen jener leidenschaftlichen Szene, die eine gekränkte Russin ihrem Liebhaber in Viktor Jerofejews Roman „Die Moskauer Schönheit“ macht. Sie lässt im Champagner-Rausch ein Konzert platzen, in dem sie die Musiker mit Orangen bewirft.

Ungemein komisch war die Ehebruch-Geschichte aus Giovanni di Boccaccios „Decameron“. Um einen Seitensprung ging es auch in Woelks eigener Erzählung „Einstein on the Lake“. Heinrich Manns „Professor Unrat“ machte sich in seiner Verliebtheit zum Narren. Der Held in Max Frischs inzestuöser Liebesgeschichte „Homo Faber“ trauerte seiner toten Tochter-Geliebten nach. Auch für die pädophilen Fantasien aus Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“ war Raum. „Tatort“-Schauspieler Assheuer gab dort dem Mann seine Stimme, der eine Zwölfjährige missbraucht. Ein eindrucksvoller Abend über die Wege und Irrwege der Leidenschaft.