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Regional Liebesgeschichte als Popspektakel
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18:24 30.09.2009
Verwirrt: Werther (Benjamin Berger, links) mit Albert (Daniel Sellier).
Verwirrt: Werther (Benjamin Berger, links) mit Albert (Daniel Sellier). Quelle: Urban
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Bei Biel, die an der derzeit sehr angesehenen Hamburger Theaterakademie ausgebildet wurde, spielt Sybille Weiser die Lotte als nicht besonders helle junge Frau, die vor allem auf Spaß aus ist. Albert, dargestellt von Daniel Sellier, ist ebenfalls nicht eben ein Sympathieträger. Großkotzig erklärt er die Welt und hält eine politische Stammtischrede. Das Verständnis des Beobachters für die emotionale Zwangslage, in der sich das Trio vor lauter Liebe befindet, bleibt auf der Strecke. Was findet der etwas chaotische, aber dafür umso kreativere und lebendige Werther an der Schnitte Lotte, was sieht sie in ihm?
Das Regieteam hat Goethes Text mit Tagebuch-Auszügen der Grungerock-Ikone Kurt Cobain verquickt. Ein nachvollziehbarer Kunstgriff, denn Biel sieht in Goethes Werk den ersten Poproman der Literaturgeschichte. Cobain schrieb ansehnlich, war verheiratet mit Courtney Love, deren nicht nur förderliche Auswirkung auf Weisers Lotte nicht zu übersehen ist, und brachte sich wie auch Werther in jungen Jahren um.

Effektvoll und unterhaltsam

Die gut 100-minütige Inszenierung läuft zwar im Großen Haus, doch sie spielt auf dem Bühnenstreifen vor dem Eisernen Vorhang. Den Raum, der hier fehlt, erobert sich das dreiköpfige Ensemble im Laufe der Vorstellung auf dem Rang und im Zuschauerraum und durch überlebensgroße Live-Projektionen (Video und Musik: Joerg Zboralski) auf die metallene Brandschutzwand – sehr effektvoll und unterhaltsam.
In seiner ersten großen Rolle spielt Benjamin Berger den Werther sehr körperlich und überzeugend. Daniel Selliers Albert ist kraftvoll auf die Bühne gebracht. Weiser gibt manchmal zu sehr das kieksende Mädchen, doch das mag an der Courtney-Love-Idee liegen.
Die Motivation, aus der sensiblen Liebesgeschichte ein manchmal holzschnittartiges, auf jeden Fall aber temporeiches Popspektakel mit überraschenden Einfällen zu inszenieren, ist auch nachvollziehbar vor dem Hintergrund, dass Goethes Werther auf dem Literaturkanon in Gymnasien steht. Oberstufenschüler sollen ins Theater gehen und unterhalten werden. Das wird funktionieren, auch weil Zboralski Musik vom Urpunk der Sexpistols bis hin zu Bob Dylan ausgewählt hat. Und wenn’s gut läuft, entdecken die Schüler vielleicht auch die Schönheit der Sprache Goethes.
Weitere Vorstellungen: am 2. und 26. Oktober sowie am 19. November im Großen Haus des Deutschen Theaters Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 0551   /   49    69    11.

Von Peter Krüger-Lenz

30.09.2009
30.09.2009
Peter Krüger-Lenz 07.11.2013