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Regional Die Kiosk-Königin aus der Tagesschau
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13:19 20.09.2016
Von Hannah Scheiwe
Linda Zervakis liest beim Literaturherbst aus ihrem Buch „Königin der bunten Tüte“.
Linda Zervakis liest beim Literaturherbst aus ihrem Buch „Königin der bunten Tüte“. Quelle: R
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Göttingen

Von „Kioskromantik“ spricht der Buchdeckel und ein bisschen stimmt das – wenn man darunter regelmäßige Gespräche mit einem stotternden Ex-Knacki oder einer Frau, die ihren verschwundenen Mann durch Kanarienvögel ersetzt, fasst. Aber eben auch die ersten Flirtversuche der jungen Zervakis mit dem Sohn eines marokkanischen Arztes und das Herumalbern mit dem großen Bruder Chavi, der beim heimlichen Zigarette-Rauchen immer Gummihandschuhe trägt – damit die griechische Mama nichts merkt.

Einfach gehalten ist die Sprache, in der Zervakis erzählt, wie ihre Eltern nach Deutschland kamen, sie und ihre Geschwister geboren wurden und wie sie seit ihrer Kindheit bis ins Erwachsenenalter jeden Sonntag, und nach der Schule, hinter dem Kiosktresen stand. Doch zwischen den alltäglichen, oft unterhaltsamen Anekdoten stecken Sätze, die mehr auslösen: Vergleiche, die präzise und zugleich so schön und manchmal traurig sind, dass sie hängen bleiben.

„Allzu gerne hätte ich das ganze Glück in viele kleine Gefrierbeutel gepackt, um es in schlechten Zeiten wieder portioniert aufzutauen“, schreibt Zervakis über die Vergänglichkeit des Glücks – die sich zum Beispiel im Tod ihres Vaters zeigte. Den Kiosk bezeichnet sie als „Backstage-Bereich der Gesellschaft“, wo sie „Einblicke in die dunkleren, jedenfalls nicht blütenweißen Seiten des Lebens“ bekam.

Während ihre Schulfreunde im Tennisverein waren, wurde sie zum Teil mit Gewalt und Rassismus konfrontiert. Umso mehr lässt es einen schmunzeln, wenn sie ihre Mitschüler in hellblauen Polohemden und zitronengelben Pullundern mit „Schlumpfeis in der Waffel“ vergleicht. Dass die sie trotz manchmal uncooler Klamotten mochten, hatte sie dem Geschäft ihrer Eltern zu verdanken – dem Inbegriff des Kiosktums: der bunten Tüte („Mit dem Best-of der deutschen Süßwarenindustrie konnte ich die frechen Mäuler meiner neureichen Mitschüler stopfen“). Einen schönen Buchtitel gab‘s obendrauf.

Schön, unterhaltsam, melancholisch und tiefgehend ist aber auch der Inhalt des Buches. Er lässt sich in einem verschlingen oder portionsweise konsumieren – wie eine bunte Tüte. Er verändert den Blick auf die sympathische Tagesschausprecherin, ihr Pragmatismus fasziniert und kommt in ihrem Fazit rüber: „Der Tresen ist geblieben. Gleiche Höhe.“

Lesung

Am Mittwoch, 26. Oktober, liest Linda Zervakis beim Literaturherbst im Café Aegidius, Aegidiiplatz 1, in Hann. Münden aus ihrem Buch „Königin der bunten Tüte“. Tickets sind in der Tageblatt-Geschäftsstelle, Weender Straße 44, erhältlich.