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00:27 17.06.2019
Judith Strößenreuter und Florian Eppinger lesen Texte von Jean Ziegler im Wohnzimmer der Familie Nißlein in Bühle. Quelle: Udo Hinz
Northeim/Bühle

Claudia Nißlein öffnet die Haustür und begrüßt die Gäste. Gemeinsam mit ihrem Mann Thomas ist sie Gastgeberin vom Literarischen Hausbesuch des Deutschen Theaters (DT) Göttingen. Ihr Wohnzimmer wurde am Donnerstag die Bühne für zwei Schauspieler. In ihrem Haus im idyllischen Dorf Bühle bei Northeim trafen sich 18 Literatur- und Theater-Begeisterte. Das Spannende: Die Besucher erfuhren den Ort der intimen Lesung erst beim Kauf ihrer Eintrittskarte. An diesem Abend liegt das Flair von etwas Exklusivem in der Luft. Zur Begrüßung gibt es ein Glas Sekt.

„Die Literarischen Hausbesuche veranstaltet das Deutsche Theater seit 2014, wir hatten bereits 35 Lesungen“, erzählt Inge Mathes, die am DT die Kommunikation leitet und gemeinsam mit den Schauspielern und der Dramaturgin Verena von Waldow anreiste. „Es gibt eine große Nachfrage nach diesen Hausbesuchen – bei den Besuchern wie auch bei immer neuen Gastgebern.“ Das bestätigt auch Claudia Nißlein: „Wir sind schon länger Abonnenten im DT und wollten einmal den Literarischen Hausbesuch bei uns zu Hause haben.“

Lesung vor Bücherwand

Das Wohnzimmer ist an diesem Abend ein improvisierter Kulturort: Schauspieler Judith Strößenreuter und Florian Eppinger sitzen an einem kleinen Tisch vor einer Bücherwand, die Besucher davor auf Sessel, Sofa und den Stühlen um einen Esstisch. Im Zentrum des Abends steht das Werk „Ändere die Welt“ von Jean Ziegler, einem 1934 geborenen Schweizer Soziologen, Politiker, Autor und Kapitalismuskritiker. Die Idee zu dem Werk kam von Strößenreuter. Gemeinsam mit Dramaturgin Sonja Bachmann wählte sie Textausschnitte aus. Über ihren Kollegen Florian Eppinger an ihrer Seite freut sie sich: „Florian ist ein scharfer und politischer Denker.“

Stimmiges Ambiente: Judith Strößenreuter und Florian Eppinger vor der Bücherwand im Wohnzimmer. Quelle: Udo Hinz

Die Schauspieler lesen abwechselnd Passagen aus Zieglers Werk. Es sind ernste Themen, erschreckend aktuell: Konzentration des Finanzkapitals, Hungertod von Kindern in Afrika und Südamerika, fortschreitende Privatisierungen, wachsende soziale Ungerechtigkeiten, Spekulationen an der Börse auf Agrarprodukte und die rassistische Bedrohung durch rechte Parteien. Zieglers Position: Wenn alle Welt schweigt, dann müsse der gute Mensch Fragen stellen. Die Schauspieler wechseln sich beim Lesen ab und spielen O-Töne eines Interviews mit Ziegler vor. So bleibt die Lesung lebendig, die Zuhörer folgen den anspruchsvollen Texten aufmerksam. Strößenreuter unterstützt die gelesenen Worte durch Handbewegungen, Eppinger sucht Blickkontakt zum Publikum.

Inspirierende Texte

Jean Zieglers Texte inspirieren, weil er durch seine vielen Tätigkeiten und Reisen stets die gesamte Welt und die globalen Beziehungen im Fokus hat. Mit klarer Sprache nennt er Fakten, Zahlen, Orte und Namen – das macht seine kritische Perspektive so glaubwürdig. Dies Konkrete in seinen Texten macht betroffen. Doch die Schauspieler präsentieren den Autor zum Schluss auch als Intellektuellen mit der Kraft zur Hoffnung. Sein Traum sei eine Kunst, die den Menschen in seinem Innersten treffe und die Selbstgerechtigkeit des neoliberalen Profitwahns zerstöre. Der Tag würde kommen, wo Menschen in Frieden, Gerechtigkeit, Vernunft und Freiheit zusammenleben werden.

Die Hausbesuche des Deutschen Theaters haben den Charakter eines literarischen Salons. Quelle: Udo Hinz

Nach einer Stunde ist die Lesung zu Ende. Die berührten Zuhörer bedanken sich mit warmherzigem Applaus. Schauspieler Florian Eppinger ist mit dem Abend zufrieden: „Das Publikum hat diese Texte ausgehalten“. Seine Kollegin Judith Strößenreuter stimmt ihm zu: „Gemeinsam sind alle Anwesenden durch diese Texte gegangen. Es war zu spüren, wie konzentriert die Besucher zugehört haben.“

Gespräche mit Schauspielern

Nach der Lesung kommen die Besucher ins Gespräch, es gibt Wein und kleine Leckereien. „Diese Literarischen Hausbesuche sind wie literarische Salons, in denen sich Gäste kennenlernen und austauschen“, sagt eine Besucherin, die selber schon einmal Gastgeberin war. Ein anderer Gast schwärmt: „An diesen fast privaten Abenden lernt man neue Autoren kennen und kommt mit den Schauspielern ins Gespräch.“

Für Gastgeberin Claudia Nißlein hatte dieser Literarische Hausbesuch noch eine persönliche Dimension: Er war ihr Geburtsgeschenk an ihren Mann Thomas.

Der nächste Literarische Hausbesuch findet am Donnerstag, 12. September 2019, in Göttingen statt. Es lesen die Schauspieler Daniel Mühe und Katharina Müller. Karten gibt es am Deutschen Theater.

Von Udo Hinz

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