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Regional „Laufen“: Ein Buch über Trauer und Rhythmus
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13:27 23.10.2019
Isabel Bogdan (links) mit Moderatorin Claudia Christophersen. Quelle: Anja Semonjek
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Göttingen

Es ist ein Thema, bei dem der Leser Gänsehaut bekommt: In Bogdans neuem Roman versucht eine Frau, mit dem Suizid ihres Lebenspartners klarzukommen. Sie fängt an zu laufen, und der Leser liest die Gedanken, die ihr ein Jahr lang beim Laufen im Kopf herumschwirren.

Bogdan las am Dienstagabend aus ihrem Buch in den Räumen von „Coworking by pro office“. Auch redete sie über die Tätigkeit des literarischen Übersetzens, über Trauer im Allgemeinen und darüber, warum Schuldgefühle keine Gefühle sind.

Als Übersetzerin etabliert

Bogdan sitzt an diesem Abend mit der Moderatorin Claudia Christophersen von NDR Kultur auf dem Podium. Bogdan ist leger gekleidet, eine blaue Leinenbluse trägt sie und eine Kette mit einem silbernen Spiral-Anhänger.

Christophersen will zunächst über das Thema Übersetzen mit der Schriftstellerin sprechen. Diese hat sich als Übersetzerin beruflich etabliert. Vor allem auf englische Literatur spezialisierte sie sich.

Bogdan lässt sich darüber aus, dass Übersetzen oft als „Schreiben zweiter Klasse“ angesehen wird – um gleich darauf zuzugeben, dass sie einst auch so dachte. Sie habe gemeint, es sei einfacher, da man sich die Figuren und Handlungen nicht selbst ausdenken müsse. Dabei sei es doch so: Die Gedanken Anderer zu übersetzen, verlange viel – damit man keinen „Blödsinn“ schreibe.

„Ich dachte lange, ich habe der Welt nichts zu sagen“, erklärte Bogdan ohne jegliche Verlegenheit. Außerdem habe sie nicht gewusst, ob sie überhaupt eine eigene Stimme habe – wo sie doch so lange Zeit andere Stimmen übersetzte.

Ihre eigene Stimme hat sie inzwischen längst gefunden: In ihren ersten Büchern „43 Kurzgeschichten“ und „Der Pfau“ zeigt sie sich sehr amüsant, in „Laufen“ sehr ernst, obwohl sich auch hier Humor findet.

„Erst nur den Sound des Laufens im Kopf“

Bogdan beginnt die Lesung mit dem ersten Kapitel, mit der ersten Seite, und liest einige Minuten lang. Manch ein Zuhörer könnte den Auszug als zu lang kritisieren, doch erschloss sich ein guter Einblick in die Gedankenwelt der Protagonistin.

Sie steht am Anfang einer Entwicklung, die durch das Laufen – ins Laufen kommt. Schwer fällt es ihr, bei einem Gedanken zu bleiben, sie springt hin und her: „Ich kann nicht mehr. Das ist natürlich Quatsch.“

Im zweiten Kapitel, aus dem sie liest, sind bereits einige Monate vergangen. Die Protagonistin ist durch das Laufen fitter geworden und nimmt allmählich wieder Farben und Gerüche um sich herum wahr – und einen „gutaussehenden Typen“, der auch um die Alster läuft.

Schuldgefühle sind keine Gefühle

Der Schicksalsschlag, über den sie schreibt, ist ihr nicht selbst widerfahren, sagt die Autorin. Sie hatte einen Bekannten, der sich das Leben nahm. Seine Frau und die zwei Kinder kannte Bogdan nicht. Trotzdem beschäftigte sie die Frage, was mit den Hinterbliebenden passiert.

Um sich in ihre Protagonistin hineinfühlen zu können, unterhielt sie sich mit Trauernden. Ein langes Gespräch mit der renommierten Psychotherapeutin Angélique Mundt half außerdem.

Mundt erklärte ihr, was sich im Innenleben der Trauernden abspielt. Sie sei von Schuldgefühlen geplagt wie alle Leute, die einen Suizid des Partners erleben. Doch wichtig sei, sich eines klarzumachen: Schuldgefühle sind keine Gefühle wie Angst und Trauer. Es sind Gedanken, die sich die Hinterbliebenden machen.

Außerdem erläuterte ihr Mundt mehr über Depressionen, also über die Krankheit, wegen der sich der Partner der Protagonistin umbrachte. Der Mann habe einen Entschluss getroffen, den niemand hätte verändern können.

Isabel Bogdan: „Laufen“, Kiepenheuer & Witsch, 208 Seiten, 20 Euro.

Mehr zu der Autorin finden Sie hier

Von Anja Semonjek

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