Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Der Begriff Heimat – ein Albtraum für Migranten?
Nachrichten Kultur Regional Der Begriff Heimat – ein Albtraum für Migranten?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:00 24.10.2019
Die Autoren Max Czollek und Hengameh Yaghoobifarah disktuieren mit Moderator Joachim Baur und Zeliha Karaboya vom Migrationszentrum über ihr Buch „Eure Heimat ist unser Albtraum“. Beim Literaturherbst traten sie in der Musa auf. Quelle: Anja Semonjek
Anzeige
Göttingen

Zwei Autoren des Buches „Eure Heimat ist unser Albtraum“ sind am Mittwochabend beim Literaturherbst in der Musa aufgetreten: Max Czollek und Hengameh Yaghoobifarah.

Der Titel des Sammelbands klingt provozierend – Ist die deutsche Heimat für Migranten tatsächlich so schrecklich? Darüber diskutierten die Autoren mit dem Publikum und Zeliha Karaboya, Mitarbeiterin des Migrationszentrums in Göttingen. In der Musa sah man viele junge Menschen mit auffälligen Frisuren und Kleidungsstücken - „Hipster“ könnte man sie nennen, „Alternative“, oder auch einfach: „Studenten“. Zu gesellschaftskritischen Events zu gehen, gehört für sie zur Freizeitgestaltung. Auch einige ältere Göttinger kamen – das Publikum war bunt durchmischt, so bunt, wie die Räume der Musa.

Die Autorin als Kunstwerk?  

Die Titel der Essays sind Schlagwörter. „Blicke“ heißt das Essay von Yaghoobifarah. Sie liest einige Seiten daraus vor: Sie läuft durch ein Museumsviertel und ihr fällt wieder auf, dass sie von Leuten fotografiert wird – als wäre sie das Kunstwerk. Die Deutsch-Iranerin fragt sich, warum: „Ist es, weil ich dick bin? Weil ich queer bin? Oder weil ich Kanakin bin?“

Sie denkt, ihre Klamotten seien nicht zu „crazy“ – nicht verrückter, als die der anderen Menschen. „Und dass ich mich weder als Frau, noch als Mann identifiziere, ist mir schließlich nicht auf die Stirn geschrieben.“ Diese Einstellung zu Geschlechterbildern wird unter anderem als „queer“ verstanden.

Rassismus und Dickenhass

Fest steht für Yaghoobifarah, dass sie als „anders“ wahrgenommen wird. Nicht wie Annika, ein deutsches Mädchen, von der sie öfters schreibt. Annika ist blond und schlank und guckt sie schief von der Seite an – vielleicht, weil Yaghoobifarah macht und isst, was sie will.

„Rassismus und Dickenhass gehen Hand in Hand“, meint Yaghoobifarah. Den Ausländern werde Faulheit zugesprochen. Sie sei aber alles andere als faul: Wie sonst hätte sie als Journalistin erfolgreich sein können? Diesen Erfolg wolle sie den „weißen Deutschen“ aber nicht vor die Nase halten: „Ich habe keinen Bock, das gelungene Beispiel für Integration zu sein“ – und womöglich Neid auszulösen.

Der völkische Heimat-Begriff

14 Essays von 14 migrantischen Autoren sind in dem Buch „Eure Heimat ist unser Albtraum“ zu lesen. Zwei von ihnen traten in der Musa auf: Max Czollek ist ein deutsch-jüdischer Lyriker, Essayist und Kurator. In Berlin und London promovierte er am Zentrum für Antisemitismusforschung. 2018 schrieb er das Sachbuch „Desintegriert euch!“.

Hengameh Yaghoobifarah besitzt iranische Wurzeln und etablierte sich als Journalistin. Sie schreibt für die Tageszeitung (taz) und das Missy Magazine, einer feministischen Zeitschrift. „An all diejenigen, die sich gegen einen völkischen Heimat-Begriff“ auflehnen, sei das Buch geschrieben. Und an diejenigen, die verstehen, dass Deutschland vielfältig ist.

Ein Viertel der Bevölkerung habe einen Migrationshintergrund – dieser solle daher nicht mehr fetischisiert und exotisiert werden. Wenn in Halle Leute angegriffen werden, dann werde ein Viertel der Bevölkerung angegriffen. So sollten die Medien darüber berichten, meint Czollek. Und nicht: „Die Ausländer“ werden attackiert.

Juden als andere Migranten

Max Czollek erzählt, er habe eine Mail bekommen, in der er gefragt wurde, wie ein migrantischer Autor mit der deutschen Schuldfrage umgehen würde. „Eine spannende Frage“, meinte er, „nur fühle ich mich eher als jüdischer Autor angesprochen, als als migrantischer“. Juden seien seiner Meinung nach keine typischen Migranten – „sie spielen in der Gesellschaft eine andere Rolle als Migranten“.

Den beiden Autoren geht es vor allem um die politische Nutzung des Begriffs „Heimat“. Ihr Buch entstand als Reaktion auf die Gründung des „Heimatministeriums“ durch Horst Seehofer. Damit brachte er ihrer Meinung nach rechten Wortschatz in die Politik. „Was soll dann geschehen mit dem Wort? Ist es noch zu retten?“, fragt Moderator Joachim Baur. Czollek meint, die bessere Frage wäre: „Wer will denn noch so einen Begriff? Wir jedenfalls wollen einen anderen Begriff der Zugehörigkeit.“

Der Plural von Heimat

Allgemein gebe es einen Plural von Heimat, meint Zeliha Karaboya vom Migrationszentrum. Ein 46-jähriger Mann, der vor 24 Jahren aus Kurdistan nach Deutschland floh, meldete sich im Publikum und bekräftigte dies. Er habe zwei Heimaten – in Kurdistan seien die bekannten Straßen aus der Kindheit die eine Heimat. „Deutschland ist auch meine Heimat, weil ich die Gesellschaft mitgestalten kann. Ich gehe auf Demos.“

Lesung mit Frank Goosen verschoben

Die Lesung mit Frank Goosen im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes, die für Donnerstag, 24. Oktober, um 21 Uhr im Alten Rathaus geplant war, ist verschoben worden. Grund ist nach Angaben des Veranstalter eine akute Erkrankung des Autors. Nachholtermin ist am Montag, 28. Oktober, ab 19 Uhr im Alten Rathaus. Bereits erworbene Karten behalten ihre Gültigkeit. Auf Wunsch können Tickets an den jeweiligen Vorverkaufsstellen storniert werden.

Von Anja Semonjek

Die Göttinger Galerie Rosenhauer präsentiert Werke von vier Künstlern. Die Schau mit Glas, Keramik, Schmuck und Skulpturen startet am Sonntag, 17. November.

24.10.2019

Prof. Daniela Münkel und Martin Stief haben beim Göttinger Literaturherbst den Band „Die DDR im Blick der Stasi 1989“ vorgestellt und mit Moderatorin Antonie Rietzschel und Zeitzeuge Uwe Schwabe über das ereignisreiche Jahr 1989 gesprochen. Die Veranstaltung war Teil des Literaturherbstes.

23.10.2019

Isabel Bogdan liest beim Göttinger Literaturherbst aus ihrem neuen Roman „Laufen“. In diesem begleitet der Leser eine Frau bei ihrem zweiten Trauerjahr. Das Laufen holt die Frau zurück ins Leben.

23.10.2019