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Regional Hellblond und gleichzeitig schwarz: Nell Zink stellt Roman „Virginia“ in Göttingen vor
Nachrichten Kultur Regional Hellblond und gleichzeitig schwarz: Nell Zink stellt Roman „Virginia“ in Göttingen vor
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21:00 20.10.2019
Nell Zink ist am Dienstag, 22. Oktober, im Alten Rathaus zu Gast. Quelle: picture alliance / Photoshot
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Göttingen

Nell Zink hat ihren dritten Roman auf Deutsch veröffentlicht. In „Virginia“ schreibt die Wahl-Bad Belzigerin über die Liaison zwischen Peggy, einer lesbischen Studentin, und ihrem schwulen Professor, Lee, aus der zwei Kinder entstehen. Als die Ehe in den frühen 60er-Jahren scheitert, brennt Peggy mit ihrer Tochter durch – für die sie sich die Papiere eines toten schwarzen Mädchens erschwindelt:

„Im nächsten Jahr war Karen blond, vier Jahre alt und ging auf die fünf zu. Trotzdem war es kinderleicht, sie als schwarze Sechsjährige für die erste Klasse anzumelden. Vielleicht muss man aus dem Süden stammen, um zu begreifen, was blonde Schwarze sind. Virginia war besiedelt, bevor die Sklaverei begann, und es war bunt. Es gab lohfarbene Schwarze mit haselnussbraunen Augen. Schwarze mit rotbraunem Haar, einer Haut wie Butter und tiefblaugrünen Augen. Einer der Vorsitzenden der NAACP in den vergangenen Jahren war ein blonder und blauäugiger Schwarzer gewesen. Die einzige Möglichkeit, Weiße und Schwarze zwecks Rassentrennung auseinanderzuhalten, bestand in der Ein-Blutstropfen-Regel: War nur einer deiner Vorfahren schwarz – und sei es irgendwann in den Tiefen der Weltgeschichte, angefangen bei Noahs Sohn Ham -, dann warst du es auch. Meg kam sich ziemlich clever vor, als sie die Geburtsurkunde vorlegte. Die „Rasse“ beider Eltern des Kindes war unübersehbar vermerkt: farbig und farbig. Als die Sekretärin auf dem Zettel sah, dass Mrs. Brown eine Farbige war, blickte sie erstaunt auf. Doch bei näherem Hinsehen erwies es sich als zutreffend: Megs derbe Locken und die langen Fersen waren für den Kenner ein untrügliches Zeichen. Die Tochter Karen war eine dieser blassen, blonden schwarzen Kinder, die man manchmal sah. Froschbauchweiß, keine Spur von rosa und Löckchen rund um den Haaransatz. Vielleicht anämisch und unterernährt – viele der schwarzen Kinder vom Land hatten Würmer - , aber sie konnte gerade noch als Schwarze durchgehen. „War sie eine Frühgeburt?“, fragte die Sekretärin. „Sie ist so klein.“ „Sie ist klein, aber sie kann lesen“, sagte Meg. „Ich kann Astronaut buchstabieren“, meldete Karen sich. „Das ist ein Dritte-Klasse-Wort“, sagte die Sekretärin. „Für so ein winzig kleines Ding bist du ziemlich schlau. Sind Sie ganz sicher, dass sie nicht weiß sein soll?“ „Wir sind schwarz und stolz“, sagte Meg. „Ich bin blond“, widersprach Karen. „Es gibt keine blonde Rasse“, korrigierte die Sekretärin sie.“

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Cover Quelle: r

Nell Zink: „Virginia“, Rowohlt Verlag, 320 Seiten, 22 Euro. Zink stellt ihr Buch beim Göttinger Literaturherbst am Dienstag, 22. Oktober, um 21 Uhr im Alten Rathaus vor. Karten sind erhältlich in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Marktstraße 9 in Duderstadt und Wiesenstraße 1 in Göttingen, sowie online unter gt-tickets.de.

Von Lea Lang

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