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Regional Smechowski spricht über ein gespaltenes Polen
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15:08 25.10.2019
Beim Göttinger Literaturherbst hat Emilia Smechowski aus ihrem neuen Buch „Rückkehr nach Polen“ gelesen. Quelle: Anja Semonjek
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Göttingen

Ein Jahr lang hat die Deutsch-Polin Emilia Smechowski mit ihrer Tochter in Danzig gelebt. Ihre Beobachtungen hat sie in ihrem neuen Buch „Rückkehr nach Polen“verarbeitet. Beim Göttinger Literaturherbst las sie aus dem Buch und diskutierte mit Moderator Stephan Lohr über Polen – ein Land, das von der nationalkonservativen PiS-Partei regiert wird. Sie sprach von der tiefen Spaltung im Land und darüber, warum die Leute die PiS-Partei wählen.

„Vielen Dank, dass sie sich für Polen und dieses Thema interessieren“, begrüßt Lohr die zahlreichen Besucher, die in dem schmalen, langen Raum der „Galerie Art Supplement“ gespannt lauschen. Smechowski erzählt von ihrem neuen Buch. Das bestehe aus zwei Teilen, die miteinander verwoben sind: Reportagen-ähnlich seien die Kapitel, in denen sie durch Polen reist, vor allem durch den Osten des Landes. Ihren Alltag in Danzig beschreibt sie in dem anderen Teil, ich dem ihr eigenes „Ich“ mehr zu Wort kommt.

Eigentlich will niemand „Polexit“

Smechowski liest aus einem Kapitel vor, in dem sie einen Ort im Osten des Landes erkundete, in dem 85 Prozent der Bürger die PiS-Partei wählten. Hier befinde man sich an der Grenze der Eurpäischen Union und im „Polen B“. Der Westen Polens und die Großstädte würden als „Polen A“ bezeichnet. Diese Begriffe seien von polnischen Ökonomen eingeführt worden. Die Spaltung in West und Ost in Polen sei ähnlich wie in Deutschland, sagt Smechowski. „Die Gesellschaft in Polen ist allerdings noch viel tiefer gespalten. Ein Graben verläuft dort, der oft nicht überwunden werden kann.“

Im Osten Polens wird Smechowski etwas deutlich, was sich auch im übrigen Land zeigte: Eigentlich will niemand in Polen raus aus der EU – kein anderes Land hat finanziell von den Subventionen so sehr profitiert. Aber warum sonst wählen sie die EU-skeptische PiS-Partei? „Ich verstehe die Leute, die PiS gewählt haben, zum Teil sehr gut“, gibt Smewochski preis. „Dieses - ,blöde’, wollte ich schon sagen – Kindergeld macht einen Unterschied für die Leute“. Die PiS-Partei habe soziale Reformen erbracht. Warum das keine Partei zuvor schaffte, versteht Smechowski nicht.

Außerdem verbreite die Partei nicht nur Fake-News: „Es gibt ein Ungleichgewicht in der EU“. Dieses kümmere die Polen sehr: „In Talkshows wird öfters darüber gesprochen, wann sie endlich so viel wie die Deutschen verdienen“, erzählt Smechowski. Die polnischen Medien kritisiert sie ansonsten stark: Die „PiS-Medien“, wie die polnische Tagesschau, seien kein Journalismus. Ein verzerrtes Bild, das auf das Schüren von Angst vor dem Fremden setze, werde dort gezeigt.

„Die Polen sind müde“

Die Polen wurden im Jahr 1989, zu Zeiten der Wende, als Freiheitskämpfer angesehen, als Helden. Sie waren große Europaenthusiasten – genau wie die Ungarn. Heute regieren in beiden Ländern nationalistische Parteien. Smechowski versucht, diese komplexe Entwicklung zu erklären: „Das eine bedingt das andere – die Westeuphorie von damals hängt mit heute zusammen.“ Sie dachten, sie müssen nur lange genug „durchhalten“, dann erreichen sie die westlichen Standards. „Die Leute sind müde geworden“, sagt sie. Dabei sehe sie große Parallelen zu Ostdeutschland.

Smechowski redet auch über die Deutsch-Polnische Nachbarschaft. Sie fuhr mit dem Zug von Danzig nach Berlin und dabei fiel ihr auf, dass viele Polen nach Deutschland fahren, doch nur wenige Deutsche nach Polen. Sie versteht nicht, warum so wenige Deutsche ihre polnischen Nachbarn nicht besser kennenlernen wollen.

Smechowski debütiert mit „Wir Strebermigranten“

Emilia Smechowski emigrierte mit ihren Eltern, als sie fünf Jahren alt war aus Polen nach Deutschland. Die 36-Jährige lebt in Berlin und ist Journalistin bei der Tageszeitung (taz). Ihr erstes Buch hieß „Wir Strebermigranten“ . In diesem thematisiert sie die Ankunft in Deutschland – in ihrem zweiten Buch „Rückkehr nach Polen. Expeditionen in mein Heimatland“ verlässt sie Deutschland.

In „Wir Strebermigranten“ schreibt Smechwoski über ihre Eltern, die kein Interesse mehr daran hatten, Polnisch zu sprechen, als sie erst in Deutschland wohnten. „Ich hatte Polnisch komplett verlernt als Teenie“, erklärt sie beim Göttinger Literaturherbst. Als Erwachsene habe sie Polnischkurse besucht, und nach dem Jahr in Polen spreche sie nun „ganz okay“ - sie hat die Sprache wiedergelernt.

Über jene Vorgänge der Assimilation spricht Smechowski in ihrem ersten Roman. Damit wollte sie thematisieren, dass einige Migranten bei dem Zuzug nach Deutschland ihre ehemalige Kultur aufgeben, um so gut es geht „Deutsch“ zu werden.

Von Anja Semonjek

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