Literaturherbst und Händel-Festspiele: Oper Deidamia mit Pierre Jarawan
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Regional Göttingen: Poetry Slam trifft auf Händels letzte Oper
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Literaturherbst und Händel-Festspiele: Oper Deidamia mit Pierre Jarawan

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14:54 29.10.2020
Autor Pierre Jarawan mit seine Textsammlung für den Abend.
Autor Pierre Jarawan mit seine Textsammlung für den Abend. Quelle: Swen Pförtner
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Göttingen

Ein großes Spektakel sollte das 100-jährige Jubiläum der Internationalen Händelfestspiele Göttingen werden. Alle Händel-Opern sollten in unterschiedlichen Formen auf die Bühne kommen. Die Corona-Pandemie hat das verhindert. Zwei Veranstaltungen seien davon übrig geblieben, sagte Tobias Wolff, geschäftsführender Intendant der Händel-Festspiele. Beide Abende stehen auf dem Programm des Literaturherbstes.

Teils ernsthaft, teils urkomisch

Am Mittwochabend näherten sich der Autor Pierre Jarawan, die Sopranistin Anna-Lena Elbert und die Musikerin Johanna Soller „Deidamia“, der letzten Oper von Georg Friedrich Händel (1685-1759). Jarawan, erst als Poetry Slammer erfolgreich, inzwischen auch als Romanautor („Am Ende bleiben die Zedern“) las aus der dem Libretto der Oper, geschrieben von dem damals in England lebenden Italiener Paolo Antonio Rolli (1687-1765), vor allem aber auch eigene Texte, die er assoziativ mit Blick auf die Handlung der Oper ausgewählt hatte – eine teils ernsthafte, teils aber auch urkomische Auswahl.

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Die Oper handelt von Achilles, dem ein Seher den Tod vor Troja vorhersagt. Daraufhin schicken ihn seine Eltern fort. Er wächst in der Familie eines befreundeten Königs auf, verkleidet als Mädchen. Eine weitere Prophezeiung verkündet den Griechen allerdings, dass sie die Stadt niemals ohne den großen Helden Achilles einnehmen würden. Also macht sich Odysseus auf den künftigen Kriegshelden aufzutreiben und zum Kampf zu überreden.

Flucht vor dem Bürgerkrieg

Sehr beredt und charmant fasste Wolff die Geschichte zu Beginn zusammen, was Jarawan und Soller am Ende des Abends als wenig gehaltvoll bezeichneten. 200 Mal tauche der Begriff Herz auf, viel Kriegsrhetorik enthalte der Text, sagte Jarawan. Zugang habe er über die Musik gefunden. Ähnlich sah das auch Soller.

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Jarawans Eltern vor dem Bürgerkrieg aus dem Libanon nach Saudi-Arabien, dann nach Jordanien, später nach Deutschland geflohen waren. Jedes ihrer drei Kinder wurde in einem anderen Land geboren, Jarawan in Deutschland. Er las einen Text vom späten Besuch bei einer Tante im Libanon und den Auswirkungen des Krieges, von syrischen Flüchtlingen und dem Zorn seiner Tante auf diese Menschen auf der Flucht. Er schilderte das Land als längst nicht so schön wie in seiner Erinnerung und die Menschen als längst nicht so freundlich. Krieg verändert.

Theorieschwere Reimzeilen

Leichtfüßig kamen dagegen Jarawans Poetry-Slam-Texte daher. Der heute 35-Jährige berichtete von einem Liebesbrief, den er als Neunjähriger altklug an angebetete Mitschülerin mit einem Ranzen voller Gänseblümchen, die für seine theorieschweren Reimzeilen wenig übrig hatte.

Im Kino habe er später den Film „Troja“ gesehen, sagte Jarawan. Die gerüsteten Krieger seien vor der Stadt auf dem Strand gelandet, so viele, dass kein Sand mehr zu sehen gewesen sei. In einer Sitzreihe hinter ihm habe jemand gefragt: „Alter, wie wollen die da reinkommen.“ Die Idee zum Sturm habe Odysseus nach zehn Jahren des Kampfes gehabt, so Jarwal. Ein guter Anlass für ihn, über gute Ideen nachzudenken: „Woher sie kommen, kann ich nicht sagen. Ich bin froh, wenn sie bleiben.“

Anspruchsvolle Aufgabe

Zwischen den Textpassagen trug die junge Sopranistin Anna-Lena Elbert Arien aus „Deidamia“ vor, eine anspruchsvolle Aufgabe, die sie bemerkenswert reif meisterte. Sehr facettenreich sang sie die Deidamia und befand am Ende, die Protagonistin habe „mit sehr vielen Deppen zu tun“, sei aber ganz toll.

Für viel Gelächter sorgte der abschließende Text des Abends, ein klassisches Poetry-Slam-Stück von Jarawan. Er las von dem Schwierigkeit, einen Ring für eine Verlobung zu finden. Alleine schon am Herausfinden der Ringfingergröße seiner Freundin scheiterte er, punktete aber mit dem Hinweis auf die Parallelen den Fingers und denen einer Bifi. Kunst verändere die Welt, sagte Intendant Wolff am Ende des Abends. „Sie werden Bifi, Gänseblümchen und Ringe nie mehr mit den gleichen Augen betrachten.“ Jarawan antwortete dann noch auf die Frage, was er von diesem interdisziplinären Abend mitnehme: „Dass man das öfter machen sollte.“

Von Peter Krüger-Lenz

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