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Regional Lustiges Leid, verschwundene Autorin
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21:18 04.07.2011
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Der irakische Schriftsteller Abbas Khider, geboren 1973, der als Gast des Lichtenberg-Kollegs in der voll besetzten Alten Sternwarte aus seinen Büchern liest, lächelt.

Natürlich sei seine Zeit als politischer Gefangener in Saddam Husseins Gefängnissen hart gewesen. Er sei mit Elektroschocks gefoltert worden. Während der zweijährigen Haft hätte er außer Wasser und etwas Brot nichts zu essen bekommen. Nur einmal, zum „Geburtstag des Führers“, so Khider, hätte es Blutorangen gegeben. Viele Mitgefangene seien vor seinen Augen gestorben. Nach der Haft habe er ein halbes Jahr nachts schlaflos auf dem Dach seines Elternhauses gesessen. Von paranoiden Wahnvorstellungen geplagt habe er die Straße beobachtet, um nicht erneut von Geheimpolizisten überrascht zu werden.

Später, während der Jahre der Flucht, habe er im Nahen Osten, Afrika und Europa den reinsten Horror erlebt, erzählt Khider. Um seelisch nicht zu zerbrechen, habe er sich aber angewöhnt, in all dem Elend und Leid das Schöne und Lustige zu sehen. Und lustige Dinge hat er erlebt. Sein Romanheld in „Die Orangen des Präsidenten“ erhascht im Folterkeller einen Blick auf den Geheimpolizisten, der sich beim Zuschlagen vor Lust auf seine wulstige Zunge beißt. „Er sieht aus wie Charlie Chaplin“, schießt es dem Häftling durch den Kopf und kann sich vor Lachen nicht mehr halten. Als er sich auch durch Tritte in die Nieren und ins Gesicht davon nicht abhalten lässt, zieht sich der Geheimpolizist verwirrt zurück.

Khiders Romanheld in „Der falsche Inder“ gerät in der Türkei in Haft, als er mit anderen irakischen Flüchtlingen den illegalen Grenzübertritt nach Griechenland versucht. Er nennt einen falschen arabischen Namen. Als ihn einer der brutalen Polizisten später aufruft, bleibt er sitzen. Immer und immer brüllt der Polizist den Namen. Die anderen Gefangenen haben Mühe nicht loszulachen. Dann endlich steht er auf. Als Namen hatte er genannt: „Ich Arschloch.“ Um Gewalt und Unterdrückung geht es auch im Roman „Marjams Geschichten“ der libanesischen Schriftstellerin und Journalistin Alawiyya Sobh, Jahrgang 1955. In ihrer Heimat erregte die freizügige Darstellung von Sexualität aus weiblicher Perspektive Aufsehen. In Göttingen erzählt sie, dass sich einige Frauen über die Veröffentlichung intimster weiblicher Geheimnisse empörten. Es wurde sogar der Ruf nach einem Verbot des Buches laut. Andere waren dagegen hellauf begeistert, weil die Geschlechtsbeziehungen in der arabischen Welt noch nie so offen aus weiblicher Sicht erörtert worden waren.

In dem Buch geht es jedoch nicht allein um Sex. Auch Mutter-Tochter-Beziehungen werden analysiert. Die Romanheldin wird als junges Mädchen am Muttertag in der Schule von einem Gedicht über die Mutterliebe derart überwältigt, dass sie zuhause ihrer Mutter ihre Liebe gestehen will. Die Frau, die noch zehn andere Kinder hat und vor lauter Arbeit kaum zur Ruhe kommt, fährt sie an: Was schleichst du hier herum wie eine rollige Katze. Du weißt doch wie mir die Abknutscherei zuwider ist.

Für Aufsehen hat auch der verwickelte Aufbau des Romans gesorgt. Weil die Autorin, Alawiyya Sobh, im Roman spurlos verschwindet, beginnt die Hauptperson schon mal mit dem Erzählen. Sobh erklärt, dass sie nach dem libanesischen Bürgerkrieg viele Jahre lang nicht über die erlebten Dinge hätte schreiben können. Der Wechsel der Perspektiven sei ihre Art gewesen, mit der Schreibblockade umzugehen. Im Übrigen habe sie sich an der Erzählsammlung 1001 Nacht sowie modernen Techniken in Theater und Film orientiert.

Abbas Khider: „Die Orangen des Präsidenten“, Nautilus, 160 Seiten, 16 Euro. Alawiyya Sobh: „Maryams Geschichten“, Suhrkamp, 474 Seiten, 34 Euro.

Von Michael Caspar