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Regional Über Rebellion und Fanatismus: Premiere von „Märtyrer“
Nachrichten Kultur Regional Über Rebellion und Fanatismus: Premiere von „Märtyrer“
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15:01 07.06.2019
Die Situation eskaliert: Christoph Türkay, Rebecca Klingenberg, Gabreil von Berlepsch, Gaia Vogel, Florian Eppinger und Marius Ahrendt. Quelle: Müller
Göttingen

Benjamin (Marius Ahrendt) will nicht mehr am Schwimmunterricht teilnehmen, die jungen Mädchen im Bikini verletzen seine religiösen Gefühle, er wehrt sich gegen den Aufklärungsunterricht, will auch eigentlich nicht mehr von einer Frau unterrichtet werden. Während seine Mutter das Ganze zunächst als unerheblich beziehungsweise als Scherz abtut, der Direktor der Schule alles unter den Tisch kehren will, interpretiert die Biologie- und Vertrauenslehrerin Erika Roth (Gaia Vogel) sein Verhalten als Hilferuf. Sie will ihm auf Augenhöhe begegnen, ihn mit ihrem liberalen und wissenschaftlich geprägten Weltbild überzeugen.

Benjamin aber schreitet fort in seiner Entwicklung zum religiösen Fanatiker: Er steigt in voller Kleidung ins Schwimmbecken, verschanzt sich hinter der Bibel und provoziert mit radikalen Ansichten zu Evolutionstheorie und Homosexualität.

Schräge Kleidung

Das alles spielt sich im DT 2 auf einer fast leeren Bühne ab. Nur in der hinteren Ecke sind einige Stühle wild zusammengestellt, hier finden sich meist die Nebenfiguren ein. Benjamins Mutter (Rebecca Klingenberg), der Pastor und Religionslehrer (Gabriel von Berlepsch), der Sportlehrer (Christoph Türkay), der Direktor (Florian Eppinger), Mitschüler Georg Hansen (Moritz Kahl) und die Mitschülerin Lydia Weber (Alina Kondrakova). Allen hat Thomas Unthan, der für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, ziemlich schräge Kleidung verpasst. Im Lauf des Stückes kleben sie sich bunte Steinchen auf die Kleider, silbern glänzende Streifen auf die Haut, kommen mit überdimensionierten silbernen Accessoires auf die Bühne: die Mutter mit beängstigend hohen Schuhen, der Direktor wiegt eine riesige Herrenfliege im Arm. Die Welt spielt verrückt, ist für Benjamin verrückt, entrückt.

Regisseur Rieder konzentriert sich in seiner Inszenierung auf Benjamin und seine Lehrerin. Die anderen Figuren umkreisen ihn, liefern Stichworte. Aus dem „normal schwer erziehbaren Jungen“ wird ein Fanatiker, der anderen von der Hölle predigt. Die Erwachsenen werden verzweifelter, auch Frau Roth findet keinen Weg zu Benedikt. Nur Georg schließt sich ihm an, weil er mit einer leichten Behinderung – sein eines Bein ist kürzer als das andere –sowieso der Außenseiter ist. Schließlich eskaliert die Situation. Als Frau Roth Benjamin endlich entgegentritt, ist sie es, der man keinen Glauben schenkt.

Starkes Ensemble

Von Mayenburgs Stück ist eine solide Geschichte über einen jungen Mann, der in einer Welt, in der fast alles erlaubt ist und die ihn offensichtlich verunsichert, nach Werten und Halt sucht. Der Autor hat aber auch viele, vielleicht zu viele Konfliktpotentiale hineingelegt: Religion versus Wissenschaft, Rebellion, Provokation, Antisemitismus. Rieders Inszenierung verleiht dem Ganzen über weite Strecken Konzentration und Humor.

Zu einem gelungenen Stück aber wird der „Märtyrer“ in Göttingen durch das spielfreudige, bestens aufgelegte Ensemble und die beiden starken Hauptdarsteller. Marius Ahrendt gibt einen vielschichtigen Benjamin, verzweifelt, glühend, unsicher und dann mit einem kurzen Blick ganz der schlaue Provokateur. Gaia Vogel überzeugt in ihrer Rolle als engagierte, redegewandte Pädagogin. Groß ihr Schlussauftritt mit sprühender Religionskritik und dem verzweifelten Ausruf „Ich geh hier nicht weg, ich gehöre hier hin“.

Das Publikum der ausverkauften Premiere spendete begeisterten Applaus.

Nächste Vorstellungen

Weitere Termine: Donnerstag, 20. Juni, und Sonntag, 30. Juni, jeweils um 20 Uhr. Karten unter der Telefonnummer 0551/49 69 300 oder unter theaterkasse@dt-goettingen.de

Von Christiane Böhm

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