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Regional Marjana Gaponenko liest im Literarischen Zentrum
Nachrichten Kultur Regional Marjana Gaponenko liest im Literarischen Zentrum
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00:17 24.06.2013
Möchte sich „leicht infantiles Gemüt“ auch im Alter bewahren: Marjana Gaponenko.
Möchte sich „leicht infantiles Gemüt“ auch im Alter bewahren: Marjana Gaponenko. Quelle: Theodoro da Silva
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Göttingen

Im Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin Gesa Husemann im Literarischen Zentrum am Donnerstag und in ihrem Roman „Wer ist Martha?“, aus dem sie las.

Viel Einfühlungsvermögen

Ihr Held, der 96 Jahre alte Vogelkundler Luka Stepanowitsch Lewadski, erhält die Nachricht, dass er Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium habe. Statt sich aber ins Krankenhaus zu begeben, krempelt der kauzige Alte sein Leben um.

Gaponenko, die vor kurzem den Adelbert-von-Chamisso-Preis für diesen Roman erhielt, erzählt mit viel Einfühlungsvermögen und feinem Humor.

Einkaufstour ohne Gebiss

Etwa von Lewadskis Einkaufstour durch Odessa. Bei der er leider sein Gebiss zu Hause vergessen hat. Einen dunkelblauen eleganten Anzug ersteht er, weiße  Hemden mit Perlmutknöpfen – da besteht er drauf, Plastikknöpfe hatte er sein Leben lang – feine Einstecktücher und einen Gehstock mit Silberknauf. Dann zieht er nach Wien in ein großes, sehr vornehmes Hotel, um es sich noch einmal richtig gutgehen zu lassen und dann zu sterben.

Lewadski war nie verheiratet, hat sich ausgiebig mit der Vogelkunde beschäftigt, aber wenig mit den Menschen, geschweige denn mit ihnen gesprochen. „Als soziales Wesen schwächelt er etwas“, erklärt Gaponenko lächelnd. In dem „pompösen alten Kasten“ ist er erst „super  einsam.“ Dann aber lernt er im Fahrstuhl einen Altersgenossen kennen.

„zwei richtige Herzchen“

An der Hotelbar sitzend lästern sie gern, vor allem über die Frauen. Die beiden „wirken alt und zynisch“, sagt die junge Autorin, aber „sie sind zwei richtige Herzchen.“ Und zwischen ihnen entwickelt sich eine Freundschaft.

Gaponenko, 1981 in Odesssa geboren, lernte mit dreizehn Jahren die deutsche Sprache, studierte in Odessa Germanistik und beschloss, auf deutsch zu schreiben. Zunächst Gedichte,   dann Prosa. „Ich habe mir die Sprache erkämpft“, sagt sie. Mit beeindruckendem Ergebnis. Heute lebt sie in Wien und Mainz.

Je älter, je cooler

Sie habe viele alte Menschen kennengelernt, berichtet sie, die sie beeindruckt haben, die für sie Vorbilder seien. Je älter der Mensch wird, „desto cooler kann er werden.“ Eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit dem Altern und dem Tod, „ein leicht infantiles Gemüt“ würde auch sie sich gern bewahren bis zum Schluss. Sie sei auch Lewadski und fühle sich verpflichtet, mit 96 in so ein großes Hotel zu ziehen und dort zu sterben., sagt sie. Die Angst vor dem Tod zu knacken, das sei entscheidend. „Dann hat man mehr vom Leben.“     

Von Christiane Böhm