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Regional Marli Kießling verlässt nach 20 Jahren das Deutsche Theater
Nachrichten Kultur Regional Marli Kießling verlässt nach 20 Jahren das Deutsche Theater
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18:23 08.07.2011
Von Peter Krüger-Lenz
Großen Wunsch erfüllt: Marli Kießling durfte beim „kleinen Vampir“ aus der Muschel soufflieren.
Großen Wunsch erfüllt: Marli Kießling durfte beim „kleinen Vampir“ aus der Muschel soufflieren. Quelle: EF
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Denn Marli Kießling, geboren 1946, hat 20 Jahre lang als Souffleuse am Deutschen Theater (DT) Göttingen gearbeitet, Produktionenfeste wurden gerne auf diesem Hof gefeiert. Am Sonnabend, 9. Juli, wird sie zum letzten Mal neben der Bühne sitzen und den Schauspielern der Inszenierung „Eine Familie“ den Text vorsagen – wenn sie ihn denn vergessen. Dann geht sie in den Ruhestand.

„Das spannende an dem Beruf ist, dass man alle acht Wochen mit anderen Menschen zu tun hat“, sagt Kießling. Von der ersten Leseprobe bis zur Premiere sitzt die Souffleuse dabei, wenn eine Produktion entsteht – und natürlich auch, wenn sie in der Folge bis zur Derniere, der letzten Vorstellung, gespielt wird. Stellt sich dann nicht spätestens bei der 15. Wiederholung Langeweile ein? „Es gibt Inszenierungen, da ist man immer noch gebannt“, sagt Kießling – „und andere, da meint man, das könnte jetzt auch mal vorbei sein.“

Ein Lehrberuf ist das Soufflieren nicht. Als Voraussetzungen für den Job nennt Kießling „eine Portion Geduld, eine schnelle Auffassungsgabe und man darf nie beleidigt oder eingeschnappt sein.“ Der eine oder andere habe halt den Hang dazu, „die Schuld bei anderen zu suchen. Das kann auch mal die Souffleuse sein.“ Und: „Eine Souffleuse muss sich neutral verhalten oder eher etwas Positives ausstrahlen.“

Sie sei drei oder vier Jahre Statistin am DT gewesen, erinnert sich Kießling. Dann sei sie gefragt worden, ob sie nicht soufflieren wolle. Eine Kollegin war ausgefallen. Bei der Konzeptionsprobe von „Arsen und Spitzenhäubchen“ sei sie eingestiegen – und nach einer halben Stunde von dem damaligen Regieassistenten allein gelassen worden. „Sehr nette Schauspielerkollegen“ habe sie dort getroffen, „die mir gesagt haben, wie ich’s machen soll“. An Manfred Paethe erinnert sie sich gerne oder an Herbert Dubrow und Eberhardt Müller-Elmau.

Zu Premieren verschenkt sie gerne die eine Karte mit den lustigsten Versprechern aus der Zeit des Übens. „Du schwitzt ja wie ein Stör“, hatte ein Schauspieler gesagt. Oder: „Es reicht, ihr müsst ja nicht bis auf die Toilette, äh, Treppe kommen.“ Glauben konnten solche Fehler einige Akteure allerdings nicht. „Nee, habe ich nie gesagt, kann gar nicht sein“, zitiert Kießling schauspielende Kollegen.

Einsätze hat Kießling vor allem bei den Proben. Bei den Vorstellungen musste sie selten eingreifen. „Man sitzt da für die Psychologie.“ Wann merkt sie, dass sie vielleicht doch gefordert ist? Kießling: „Ein Schauspieler hat einen bestimmten Blick, dann weiß ich, jetzt muss ich.“ Andere erleichterten ihr gar die Arbeit: „Eugen P. Herder hat sich völlig souverän dorthin gespielt, wo ich saß.“ Dann konnte Kießling flüstern. Obwohl sie meint: „Die Zuschauer finden es toll, wenn sie mal die Souffleuse hören.“

Ein Kompliment habe sie von dem aktuellen DT-Schauspieler Florian Eppinger bekommen, der vor allem früher seinen Text eher sinngemäß als Wort für Wort gesprochen habe. Ein großes Problem für den, der bei Texthängern aushelfen soll: „Du bist die einzige Souffleuse, die keine Panik in den Augen hat, wenn ich dichte.“

Schon früh hatte sich ihr Berufsweg abgezeichnet. „Ich war schon in der Schule Souffleuse. Ich konnte alle Unterrichtsstunden fehlen, wenn geprobt wurde“, sagt sie und schmunzelt schelmisch.

Und hatte sie ein Markenzeichen in all den Jahren am DT? „Eine Tüte Gummibärchen für alle, gesponsert von meinem Mann. Vom Souffleusengehalt ist das nicht zu bezahlen“, sagt sie und lacht.