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19:39 04.11.2010
Geöffnet für alle: das Atelierhaus Göttingen, in dem mehr als 40 Künstler Ateliers eingerichtet haben.
Geöffnet für alle: das Atelierhaus Göttingen, in dem mehr als 40 Künstler Ateliers eingerichtet haben. Quelle: Heller
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Das unscheinbar wirkende Gebäude am Hagenweg 2b hat es in sich: Auf fünf Etagen haben sich hier mehr als 40 Künstler eingenistet und verdichten im erstaunlich weitläufigen Haus die Atmosphäre, sodass alle Sinne gereizt sind. Teils verwirklichen sie sich allein in ihren eigenen vier Wänden, teils teilen sie sich in nachbarschaftlichem Diskurs und Ideenaustausch die Räumlichkeiten.

Im Kellergeschoss hat sich ein Allrounder eingerichtet. „Bei mir kommt die Farbe nur aus dem Bauch und nicht aus dem Kopf“, klärt Manfred Pilz die Besucher auf, die in die verwinkelten Zimmer hinabgestiegen sind. In seinem Atelier gibt es alles und von allem viel: Zeichnungen, Grafiken, Installationen, Drucke und Collagen. In den Werken schimmert oft eine humoreske Ebene. In vier kombinierten Holzrahmen hat er Worthülsen platziert, weiße Rollen mit der Aufschrift „Wort, Wort, Wort …“. Eine einfache, aber gut pointierte Idee. Etwas zum Schmunzeln. Genau, wie die kleinen schwarzen Leinwände, die nebeneinander aufgehängt und mit ein paar wenig bunten Pinselstrichen bedacht sind. „Schwarzmalerei“ heißt diese Sammlung. Auch die sportlichen nur mit einem Feigenblatt bekleideten weißen Athleten-Figuren, die am Eingang zur Künstler-Kommune ihre Klimmzüge an der Regenrinne machen, stammen von Pilz.

Er kann aber auch anders. Mit dem Werk „Bittere Saat II“ nähert er sich an die seelische Entwurzelung zu Zeiten des Dritten Reichs an. Ein verbranntes von einem Nagel durchbohrtes Buch (Jakob Schaffner – Offenbarung in deutscher Landschaft) präsentiert er auf einer Schriftensäule. Späte Rache. Einen neuen Sinn ergeben die Wörter, welche vom Feuer verschont auf den dunkel umrahmten Seiten zurückgeblieben sind. Umringt ist das Brandobjekt von kleinen augenlosen Spielfiguren.

Am Ende des Flurs wartet das Gemeinschaftsatelier „Farbenkreis Göttingen“ mit einer eigenwilligen Fertigungsmethode auf: Im Seminar mit dem Bremer Dozenten Reno Lottmann haben die Frauen mit Dock-Art-Verfahren gearbeitet. Auf der Basis eines Startbilds wird eine Serie von Andock-Bildern gestartet, die sich vom jeweils vorangegangen Werk inspirieren lassen. Völlig unterschiedliche Verwirklichungen eines Themas sind das Ergebnis. Spannend ist es, die Serie der Gedanken zu verfolgen, wie abstrahiert und wieder konkretisiert wird.

Ein paar Stufen und ein paar Türen weiter werkt und wirkt Helga Wilson in ihren „inneren Welten“. Die Künstlerin umgeben farbenfrohe Federzeichnungen karibischer Landschaften, die jeweils ein indianisches Geheimnis hüten. Von einem Eingeborenen hat Wilson gelernt, jedes Bild mit einem roten Punkt in der Mitte zu beginnen. Neben den exotischen Weiten stehen Träume und Kindheitserinnerungen. Besonders die im zertrümmerten Hannover verbrachten Tage und der Vater, der nicht wieder kam, zeigen sich hier.

Etagen-Nachbarin Gudrun Jockers zeigt ihre Beschäftigung mit dem Thema „Tiefe“ und ihren Fokus auf die Reduktion. Visuelle Wege von Weiß zu Schwarz, von schmalen dunklen Streifen zu breiten hellen spiegeln dieses Experiment wieder. „Der Gegensatz ist aufgehoben“, sagt Jockers. Aber auch eine Konfrontation mit Zeitungsbildern des Jahres 2009 zeigt die Kunstschaffende. Sinnfetzen: Google, eine verhüllte Frau, Fußballer. Am Ende der Ansicht kommt der Müllschlucker.

Ganz oben, in der dritten Etage, lärmt es dezent. Ein Blick um die nächste Ecke zeigt Ute Seiter-Stadeler mit Föhn. Sie probt mit zwei jungen Schülern aus ihrer Kunst-Therapie-Gruppe Methoden der Ausdrucksmalerei und trocknet das Spiel mit den Farben. Jana Wehr und Bruder Felix haben Spaß an der Entstehung: „Es ist toll, einfach mal Farben auswählen zu dürfen. In der Schule wird das immer nur vorgegeben“, freut sich Jana.

Im Außenbereich der Anlage gibt es Skulpturales von Monika Mittmann und Greta Mindermann-Lynen im Steinhaus zu sehen. Freie Formen, glatte, wellenförmige und raue Speck-, Sand- oder Kalk-Steine, Marmor, und zahlreiche Steinbearbeitungen beinhaltet der dem Atelierhaus gegenüberliegende Bungalow. Aber auch Aktzeichnungen und Fotodruck-Collagen gehören zum Repertoire.

Wer noch aufnahmefähig ist nach so vielen Eindrücken, hat die Möglichkeit, auf dem Rückweg in der zweiten Hälfte des Kellertrakts vorbei zu schauen und Hassan Maki-Maki zu entdecken. Als Schlusspunkt des Ausstellungsmarathons bietet er seine Serie von Kunstgüssen aus mehr als zwölf Jahren Arbeit an.

Von Anna Kleimann