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Regional Miljenko Jergović stellt seinen Roman „Ruth Tannenbaum“ vor
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14:38 27.11.2019
Lesung im Literarischen Zentrum: Doris Akrap, Mirna Zeman und Miljenko Jergović (v. l.). Quelle: Hinz
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Göttingen

„Dieser Roman ist die Geschichte über einen anderen Holocaust.“ So beschreibt der Autor Miljenko Jergović sein Werk „Ruth Tannenbaum“. Das Buch über eine Familie in Zagreb spielt zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg und gibt die gewaltbereite Stimmung wider, die zur Deportation und Ermordung der Juden führte.

Die Kernaussage des Romans: Die Kroaten führten den Holocaust in ihrem Land selber durch – die Deutschen spielten nur eine Nebenrolle. Auf Einladung des Literarischen Zentrums und der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit stellte der Autor sein Werk am Dienstagabend in Göttingen vor – ein Buch, das aufgrund seiner Brisanz erst 13 Jahre nach Veröffentlichung in deutscher Übersetzung erschien.

Angenehm als Mensch, unbequem als Autor

Miljenko Jergović hat eine sympathische Ausstrahlung, ist leger gekleidet, seine grauen lockigen Haare bindet er zum Zopf nach hinten. Der Schöpfer des Bestsellers „Sarajevo Marlboro“ spricht ruhig mit warmer und weicher Stimme. „Er ist ein angenehmer Mensch, aber als Autor ist er unbequem“, beschreibt die Moderatorin und taz-Autorin Doris Akrap den Schriftsteller. In ihrer Anmoderation bringt sie die Relevanz des Buches anschaulich mit Blick auf ihr eigenes Leben auf den Punkt: Sie selber hat einen kroatischen Vater, verdrängte aber die blut-getränkte kroatische Vergangenheit und erst Jergovićs Werk brachte ihr die Abgründe der Geschichte wirklich nahe und auch die Schuld der Kroaten.

Der 1966 in Sarajevo geborene und seit 1993 in Kroatien lebende Schriftsteller verpackt die politisch-gesellschaftliche Dimension von Ex-Jugoslawien in die Geschichte der Familie von Salomon Tannenbaum und seiner Tochter Ruth, die zum umjubelten Kinderstar am Nationaltheater in Zagreb wird – bis zum Einmarsch von Hitlers Schergen 1941 und dem Beginn der Gewaltverbrechen an den kroatischen Juden. Dabei hat der Autor die Hauptfiguren geschickt angelegt: als unsympathische jüdische Kleinbürger.

Opfer nicht als Helden

„Ein Kleinbürger, der Jude ist, ist paradox“, erläutert der kroatisch sprechende Jergović, der von der kroatischen Germanistin Mirna Zeman an diesem Abend übersetzt wird. Der Autor selber ist nicht jüdischer Herkunft. „Kleinbürger sind loyal und in der Mehrheit – Juden sind dagegen in der Minderheit.“ Dem Autor war es wichtig, Opfer nicht als Helden zu idealisieren und Täter nicht als pathologische Verbrecher darzustellen – sondern beide als ganz normale Menschen.

Jergović ergründet in seinem Buch die geschichtliche Herkunft des Hasses innerhalb des jungen Mehrvölkerstaates Jugoslawiens aus Serben, Kroaten und Slowenen – es gab Sieger und Besiegte, Gewinner und Verlierer. „Es war klar, dass dieser Staat so nicht funktioniert und der 2. Weltkrieg war eher ein schrecklicher Bürgerkrieg – der Holocaust dort hatte keinen Bezug zu den Deutschen.“

Tabubruch in Kroatien

Der Roman ist so bedeutend, weil Vergangenheitsbewältigung in der kroatischen Literatur bisher keine Rolle gespielt hat. „Wenn man Kroate ist, sollte man sich aber mit dem Thema beschäftigen.“ Moderatorin Doris Akrap thematisiert den Tabubruch, den das Buch in Kroatien auslöste. Dem Roman sei unterstellt worden, er wäre antikroatisch und zugleich antisemitisch –aus Sicht des Autors ein paradoxer Vorwurf.

Als Christian Dinger zwei Passagen aus dem Roman liest, spürt man die Liebe des Autors zu Details. Dadurch gelingt es ihm, dass der Leser eintaucht in die sozialen Milieus von Zagreb während der Zwischenkriegszeit zu Anfang des 20. Jahrhunderts. In der Sprache findet sich eine Gratwanderung zwischen Tragik und Sprachwitz, die Heuchelei und Opportunismus der Protagonisten wunderbar darstellt: „Die jugoslawische Literatur hat entweder einen ernsten oder einen bewusst humoristischen Ton“, so der Schriftsteller. „Ich wollte einen neuen, karnevalesken Sprachton erfinden.“ Seine Inspiration war der russische Komponist Schostakowitsch, der ebenfalls verschiedene Genres und populäre Musik mischte.

Licht ins Dunkel der Geschichte Kroatiens

Der neu erschienene Roman von Miljenko Jergović endet tragisch. Doch im Literarischen Zentrum spürten die Besucher, was dem Autor wirklich am Herzen liegt: Sein Buch soll dazu beitragen, dass Licht in das Dunkel der Geschichte Kroatiens eindringt und so Unwissen und Hass überwunden werden können.

Miljenko Jergović: Ruth Tannenbaum, Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2019, 448 Seiten, 26 Euro

Von Udo Hinz

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