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Regional „Mit dem Theater in die Welt gehen“
Nachrichten Kultur Regional „Mit dem Theater in die Welt gehen“
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19:38 27.05.2011
„Theater war von Kindheit an mein Traum“: Roberto Ciulli, 1934 in Italien geboren.
„Theater war von Kindheit an mein Traum“: Roberto Ciulli, 1934 in Italien geboren. Quelle: Hoffmann
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1981 gründete er in Mülheim das Theater an der Ruhr, das auf Inszenierungen setzt, die mehr als eine Spielzeit überdauern und nicht nur am Heimatort gezeigt werden. Mit dem Dauerbrenner „Kaspar“ von Peter Handke, einer Inszenierung, die 1987 Premiere hatte und in 26 Ländern gezeigt wurde, gastiert das Theater an der Ruhr am Donnerstag, 30. Juni, im Deutschen Theater in Göttingen. Mit Roberto Ciulli sprach Angela Brünjes über Theater im Wandel der Zeit.

Sie sind damals mit Theatererfahrung, aber ohne spezielle Ausbildung fürs Theater nach Göttingen gekommen. Ist so ein Quereinstieg heute auch möglich?
Es ist schwieriger, weil es heute richtig und wichtig ist, dass die Theater Wert auf eine Ausbildung legen. Aber das Theater hat immer Ausnahmen gemacht. Wir haben hier am Theater an der Ruhr sehr viele Quereinsteiger engagiert. Darunter sind nicht nur Schauspieler – das sind wenige Ausnahmen –, aber viele im technischen Bereich.

Sie haben die Göttinger Intendanten Hilpert und Günther Fleckenstein erlebt. Haben die beiden Sie geprägt?
Ja, bestimmt. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich in Mailand schon das Theater „Il Globo“ gegründet, aber in Göttingen habe ich anfangs in einer Fabrik gearbeitet und als Fernfahrer, danach als Beleuchter am DT. In Göttingen war ich die ersten fünf Jahre beschäftigt mit der Sprache: Ich hatte über die Jugendschriften von Hegel promoviert, aber ich war der deutschen Alltagssprache noch nicht mächtig. Hilpert fühlte sich dem Sprechtheater verpflichtet – und verkörperte eine Zeit, die da vielleicht schon am Ende war.


Seine letzte Inszenierung war Amphitryon von Kleist und dabei habe ich wohl am intensivsten die deutsche Sprache gelernt. Mit Hilperts Nachfolger Günther Fleckenstein begann für Göttingen schon eine neue Ära. Als Regisseur entdeckte Fleckenstein die neuen Übersetzungen der griechischen Klassiker. Und dann war das allgemein die Zeit, wo es begann, alles, auch die Strukturen, in Frage zu stellen.

Warum haben Sie Göttingen verlassen?
Ich wurde 1972 als Schauspieldirektor nach Köln berufen. Es war im Sinne der 1968er-Jahre das erste kollektive künstlerische Direktorium eines Stadttheaters. Das war die Zeit, als die Regisseure an die Macht kamen und die Produktionsmittel erhielten. Und danach und mit den Erfahrungen von Göttingen habe ich mich 1979 entschieden, gemeinsam mit Gralf Edzard Habben, den ich am Deutschen Theater in Göttingen kennen gelernt hatte, das Theater an der Ruhr zu gründen.

Von welchen Erfahrungen wurden Sie dabei geleitet?
Göttingen war schon von Hilpert so konzipiert, dass das künstlerische Konzept im Zentrum stand. Fleckenstein hat das fortgeführt. Und so war Göttingen eine Insel in der damaligen Zeit. Und der Geist von Göttingen war gut für die Künstler: Viele Schauspieler, die damals in Göttingen waren, haben Karriere gemacht. Göttingen war ein kleines Theater. In Köln machte ich die negativen Erfahrungen an einem großen Schauspielhaus. Ich wollte dann ein flexibles Theater, das den künstlerischen Prozess ebenso ins Zentrum stellt wie das Reisen. Und der Apparat sollte vor allem dem künstlerischen Prozess dienen.

Ist das Theater an der Ruhr überschaubar geblieben?
Ja, auch wenn es sich seit der Gründung 1981 vergrößert hat. Aber es sind immer noch 15 Schauspieler und ein Team von insgesamt 45 Personen. Wir sind also ein kleines Theater und benötigen flexible Strukturen.

Dabei ist doch der Spielplan sehr dauerhaft angelegt; nachhaltig heißt es heute.
Für mich war es immer absonderlich, dass an den Theatern Inszenierungen nur zehn- bis fünfzehnmal, wenn es gut läuft dreißigmal gespielt werden. Und nach der Spielzeit ist alles weg. Diese Wegwerfmentalität ist völlig absurd. Eine Inszenierung ist doch ein Kapital und wird mit jeder Aufführung besser. Das war die Idee. Unsere Inszenierungen werden nicht nur in Mülheim gezeigt, sondern an andere Theater verkauft. Wir haben ein Repertoire von 24 Stücken. Von den 220 bis 250 Vorstellungen pro Spielzeit sind ein Drittel in Mülheim, ein Drittel in Nordrhein-Westfalen und ein Drittel in Deutschland und im Ausland.

Können Sie denn bei der Stück-Auswahl schon kalkulieren, wie eine Inszenierung beim Publikum ankommt, damit sie erfolgreich läuft?
(Ciulli lacht) Sich nur am Publikum zu orientieren, ist sehr schwierig. Wenn man als Intendant oder Regisseur denkt, das gefällt dem Publikum, dann geht es schief. Nein, man muss vom Stück überzeugt sein. Für einen Regisseur sollte die erste Frage immer lauten, was ist im Moment notwendig zu sagen. Daraus ergibt sich die Suche nach dem Stück, das uns etwas dazu sagen kann. Ich wage zu behaupten, dass unsere Inszenierungen das Publikum ansprechen und bewegen.

Das muss wohl so sein. Die Inszenierung „Kaspar“ kommt nun schon seit vielen Jahren beim Publikum an.
Ein Stück wie Kaspar, das im November 1987 Premiere hatte, ist eine Modell-Inszenierung. Maria Neumann spielt seitdem Kaspar. Es ist eine zeitlose Inszenierung. Die Aufführung ist immer besser geworden.

Und gefällt nicht nur in Deutschland …
… wir haben sie in vielen verschiedenen Ländern aufgeführt: In Südamerika, Russland, Usbekistan, Irak und im Iran. Und wir spielen sie in den nächsten Monaten in Ludwigshafen, Ludwigsburg oder Göttingen.

Was macht den Reiz von Kaspar aus?
Also in den 1980er-Jahren war Kaspar in vielen Städten ein Skandal. Es war immer eine Aufführung, die das Publikum geteilt hat. Heute ist es eine Aufführung, die vom Publikum akzeptiert wird. Mit dem Theater ist es so, dass es seiner Zeit vorausgeht. Dann trifft es das Publikum nicht ganz, aber ein paar Jahre später, fünf vielleicht, dann kommt das Publikum mit. Man darf nicht mit einem ästhetischen Zugriff zurück sein, aber voraus kann man schon sein.

Was meinen Sie, wann ist Kaspar alt und wird abgesetzt?
Ich weiß es nicht, das kann man nicht sagen. Vor einem Jahr haben wir Kaspar in Tunesien gespielt. Das Theater war voll von jungen Leuten. Die haben sich mit der schrecklichen autoritären Erziehung, die Kaspar erfährt, identifiziert. Und wir haben jetzt gesehen, was in Tunesien passiert. Das Stück wird, solange es aktuell bleibt, natürlich im Repertoire bleiben.

Und ist für Kaspar die Nachfrage ausreichend?
Absolut, ja. Das ist eine sehr gewagte Inszenierung. Der zweite Teil ist sprachlos und hat die Möglichkeit, eine universelle Sprache zu sprechen.

Wie oft gibt es Premieren an Ihrem Theater?
Im Jahr gibt es bis zu fünf Premieren, zwei davon im Jugendtheater.

Sie sind seit 46 Jahren an deutschen Theatern tätig, davon die meiste Zeit an Ihrem eigenen Theater. Was bedeutet Ihnen das?
Ich habe einen Ort gefunden, der für mich außerhalb der Geografie steht. Mir ging es darum, mich von örtlichen, familiären, kulturellen Bindungen zu emanzipieren. Und diesen Ort habe ich hier vor 30 Jahren gefunden. Von hier kann ich in die Welt gehen mit dem Theater und mit meiner Arbeit. Und ich habe versucht, die Welt nach Mülheim zu holen. Das ist gelungen. Seit 30 Jahren haben wir mit Theatern in mehr als 30 Ländern kontinuierlich Beziehungen. Bei Horvath heißt es, hier fühle ich mich wohl, hier kenne ich mich aus, hier möchte ich sterben.

In welchem Alter haben Sie sich entschieden, ein Theatermann zu werden?
Früh, weil meine Familie Beziehungen zum Theater und zur Musik hatte. Wie andere Theatermenschen hatte ich sehr früh die Neigung zum Theater. Ich entschied mich nach dem Abitur aber zum Philosophie-Studium. Und danach: Theater, weil es für mich von Kindheit an mein Traum war.

Wenn am 30. Juni im Deutschen Theater „Kaspar“ gespielt wird, werden Sie dabei sein. Welche Beziehung haben Sie heute zur Stadt Göttingen?
Göttingen bedeutet mir sehr viel. Hier ist mein Sohn Sebastian geboren. Und es waren für mich wichtige sieben Jahre. Denn in Göttingen, in einem anderen Land, in einer anderen Sprache, begann für mich mit 30 Jahren ein anderes Leben. Ich habe zum ersten Mal in einer Fabrik bei Bosch gearbeitet, einen Lastwagen gefahren für die Firma Weber, dann wieder beim Theater als Beleuchter gearbeitet, dann Requisiteur, dann Regisseur. Also, ich verdanke der Zeit in Göttingen sehr viel!

Am Donnerstag, 30. Juni, gastiert das Theater an der Ruhr im Deutschen Theater in Göttingen, Theaterplatz 11, mit „Kaspar“ nach Peter Handke inszeniert von Roberto Ciulli. Die Vorstellung beginnt um 19.45 Uhr im Großen Haus, anschließend stellt sich Regisseur Ciulli den Fragen der Zuschauer. DT-Kartentelefon 05 51 / 49 69 11.