Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Mord, Hochzeit – und am Ende alle tot
Nachrichten Kultur Regional Mord, Hochzeit – und am Ende alle tot
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:02 01.07.2011
Von Peter Krüger-Lenz
Anzeige
Bad Hersfeld

„Sein oder Nichtsein“. Jeder kennt den Beginn des Monologs, den Hamlet spricht, in Entscheidungsschwäche gefangen und von Gewissensnot bedrängt. Vor mehr als 400 Jahren wurde die Tragödie zum ersten Mal aufgeführt, damals trug der Hauptdarsteller sicher keine Dreadlocks. Die aber hat Darsteller Bastian Semm, der die Titelrolle spielt, auf dem Kopf – willkommen in der Gegenwart. Silvia Benutti -Ronelt hat Shakespeares Text für die Festspiele bearbeitet und hier und da dem aktuellen Sprachduktus angepasst. Gemeinsam mit Regisseur Jean-Claude Berutti hat sie viel gestrichen, um eine kompakte, gut zweistündige Version zu schaffen. Festspiel-Produktionen sollen ja gut verdaulich sein.

Etwas schwerfällig kommt das Geschehen in Gang. Die Gesellschaft, die um den Tod des Königs trauert, verwandelt sich flugs in eine Hochzeitsgesellschaft, denn die Königswitwe heiratet schon nach einem Monat ihren Schwager Claudius. Sohn Hamlet schmeckt das Verwandtenkarussell gar nicht, richtig wütend wird er, als ihm der Geist seines Vaters erscheint und von Claudius’ Mord an ihm berichtet. Viel Nebel wabert über die Bühne, so viel, dass die Szene an eine Parodie grenzt.
Ganz ernsthaft allerdings arbeitet sich Semm an der Hamlet-Rolle ab. Anfangs schaut er nur angewidert, zieht dazu die Mundwinkel herunter, eher schlichte Schauspielkunst. Doch später dreht Semm dann auf. Muss er auch, denn dann beginnt das Gemetzel. Der ein oder andere wird aus Versehen gemeuchelt, andere, weil sie es verdient haben, wieder andere, weil die Umstände gegen sie sind. So ist das Sterben im Leben.

Sparsam hat Rudy Sabounghi die Bühne eingerichtet und alles für den großen Clou am Ende bereitet. Dann nämlich schiebt das Ensemble leuchtende Podeste zu einer Planche zusammen, auf der Hamlet sich mit Horatio duelliert. Wild schlagen die Burschen aufeinander ein, geschützt wie Sportfechter mit Visier, Brustschutz und Handschuhen. Was das mit Hamlet zu tun hat? Nichts. Das Bild kommt aber trotzdem gut.

Das Ensemble müht sich redlich, den riesigen Bühnenraum in der Stiftsruine zu füllen. Das gelingt gut, weil Regisseur Berutti wohl nahelegte, vor allem den vordersten Rand zu bespielen. Ein kluger Ratschlag, denn dort blieben die Akteure während der dauerverregneten Premiere halbwegs trocken.

Neben Hamlet ragte eigentlich niemand richtig heraus. Larissa Aimée Breidbach war als Ophelia, Hamlets Liebe, etwas zu viel Girlie, Anna Franziska Srna brauchte als Hamlets Mutter Gertrud viel Anlaufzeit und Benedict Freytag, Ex-Gatte von Nena und als Claudius besetzt, war schlicht zu glatt für einen mordenden Machtmenschen mit Gewissensbissen. Das Publikum allerdings feierte Ensemble und Regieteam mit viel Begeisterung.

Weitere Vorstellungen bis Montag, 1. August, in der Stiftsruine in Bad Hersfeld. Kartentelefon: 0 66 21 / 40 07 55. Infos: bad-hersfelder-festspiele.de