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06:19 19.03.2012
50 Jahre alt, aber immer jung: der Göttinger Knabenchor 2011 in Katlenburg.
50 Jahre alt, aber immer jung: der Göttinger Knabenchor 2011 in Katlenburg. Quelle: Bulla
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Göttingen

Zum einen, was die musikalischen Ursprünge dieses Lehrers betraf: Er war Sänger im Dresdner Kreuzchor gewesen, einem der renommiertesten Knabenchöre Deutschlands. Dort hatte er es bis zum Chorpräfekten gebracht, bevor er in den Westen Deutschlands überwechselte und die Lehrerlaufbahn einschlug. Die zweite Besonderheit resultierte aus der ersten – der Chor, den Herzog am FKG leitete, steigerte seine Qualität derart, dass auch Auftritte jenseits des Schulalltags möglich schienen. Und mit dem ersten Konzert am 26. September 1962 in der Jacobikirche war es dann geschafft: der Göttinger Knabenchor hatte sich etabliert. Zu den Stücken diueses Konzertes gehörte auch eine Herzog-Komposition, die Vertonung von Palmström-Gedichten Christian Morgensterns. Herzogs eigene Musik spielte auch in späteren Knabenchor-Konzerten eine wichtige Rolle.

Dieser Knabenchor erlebte rasch großen Zuspruch beim Publikum. So konnte es dazu kommen, dass er bei den Göttinger Händel-Festspielen den Chorpart in Händel-Oratorien übernahm. Bei den Händel-Festspielen 1971 hatte der Knabenchor einen ganz besonderen Auftritt bei einem „Händel-Historical“ aus der Feder von Franz Herzog. In seiner Partitur hüpfte der Komponist munter von barocken Klängen zu damals aktuellem Schlager, sogar mit einer Heintje-Nummer. Dem gutbürgerlichen Teil des Publikums der Uraufführung am 6. Juli in der Stadthalle war der Einbruch der Pop-Welt in die hehre Sphäre Händels höchst suspekt. Andere aber freuten sich diebisch nicht nur an den Herzogschen Stil-Sprüngen, sondern auch an den gekränkten Mienen der grauhaarig-braven Schlipsträger, die sich um die jahrzehntelang geübte Feierlichkeit betrogen wähnten.

Chorleiter: Michael Krause. (CH)

1982 musste Franz Herzog – für seine Verdienste 1978 mit der Ehrenmedaille der Stadt Göttingen ausgezeichnet – aus gesundheitlichen Gründen die Chorleitung aufgeben. Für ihn übernahmen mit Torsten Derlin (Knabenchor), Olaf Harmsen (Männerstimmen) und Udo Roestel (Geschäftsführung) drei ehemalige Choristen die Arbeit. Doch diverse Querelen führten dazu, dass diese Ära schon nach vergleichsweise kurzer Zeit beendet war.

1985 übernahm der Gandersheimer Domkantor Martin Heubach die Leitung des Chores, dessen Gründer Franz Herzog am 28. Februar 1986 starb. Doch die notgedrungen geringe Präsenz vor Ort und die Doppelbelastung des Zwei-Chor-Dirigenten waren auf Dauer nicht günstig. Und so war der Trägerverein nach drei Jahren abermals auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger. Da ergab es sich, dass ein junger Dresdner Musiker nach Göttingen kam, der eine ganz ähnliche Vergangenheit wie Franz Herzog vorweisen konnte: Stefan Kaden war ebenfalls Mitglied des Kreuzchores, dazu diplomierter Komponist, das alles passte gut zusammen. Kaden übernahm bei seinem Dienstantritt im Februar 1989 allerdings sogleich ein schwieriges Erbe: Der Chor war seit der Herzog-Zeit erheblich geschrumpft, er musste neu aufgebaut werden – und das zu einer Zeit, in der mit der Einführung der Orientierungsstufe die Einwerbung des Nachwuchses nicht mehr so einfach in den fünften und sechsten Klassen der Gymnasien stattfinden konnte. Zudem hatte sich auch das Freizeitverhalten von Schülern gegenüber der Herzog-Zeit verändert: Die schulische Fünftagewoche hatte die Unterrichtsstunden von Montag bis Freitag vermehrt. Die Zahl der Hobbys, die Heranwachsende pflegen, nahm zu, die freie Zeit für das Chorsingen schrumpfte. Diese Schwierigkeiten haben im Übrigen derzeit noch zugenommen, weil die Schule einen weit größeren Zeitraum im Schülerleben beansprucht als früher.

Mit kleinen Schritten zum großen Chor

Es waren eher kleinere Schritte, mit denen der Knabenchor in den ersten Jahren unter Kadens Leitung vorwärts kam. Ausgewachsene Oratorien standen nun nicht mehr auf den Programmen. Und möglicherweise hatte auch im Vergleich zu den frühen Jahren des Chores die durchschnittliche Leistungsbereitschaft der Choristen abgenommen. Wobei dieser und jener Solist, der vom Chor beispielsweise an das Göttinger Symphonie-Orchester ausgeliehen wurde, Glanzlichter setzte. Jan Bürgers Auftritt im Märchen „Der Schneemann“ Anfang der neunziger Jahre unter Hermann Breuer ist vielen Göttinger Musikfreunden in bester Erinnerung. Seinen Part übernahm 2006 mit ähnlich großem Erfolg Pascal Seiler in einem GSO-Familienkonzert.

Gründer des Chores: Franz Herzog (1917-1986). (EF)

Doch stagnierte in den späteren Jahren der Kaden-Zeit die Entwicklung des Chores. Daher entschloss sich der Förderverein zu einem Wechsel in der Chorleitung, um Gelegenheit zu neuen Impulsen zu geben. Nachfolger Kadens wurde am 1. September 2003 Michael Krause, der als Musiklehrer am Otto-Hahn-Gymnasium mit der Qualität seiner Schulchöre nachdrücklich auf sich aufmerksam gemacht hatte. Es war ihm immer wieder gelungen, bei seinen Schülerinnen und Schülern Begeisterung für Musik zu wecken – etwa in Orffs „Carmina Burana“ mit dem Göttinger Symphonie-Orchester.

Und tatsächlich ist der Chor inzwischen wieder derart quantitativ und qualitativ gewachsen, dass er auch wieder größere Aufgaben bewältigt. So übernahm er etwa in der „Messias“-Produktion zum 250. Todestag von Georg Friedrich Händel im Vorfeld der Göttinger Händel-Festspiele 2009 den Chorpart.

Zu den regelmäßigen Auftritten des Chores gehört das alljährliche  Weihnachtskonzert in der Marienkirche, des Öfteren auch die Mitwirkung bei Konzerten des Göttinger Symphonie-Orchesters – etwa bei Mahlers 8. Symphonie (1998) oder Honeggers „Jeanne d’Arc au bûcher“ (2001) sowie Auftritte in der Lokhalle bei „Pop meets classic“.

Nicht unerwähnt bleiben sollen die zahlreichen Konzerte des Knabenchores außerhalb Göttingens auf seinen Konzertreisen. In jüngerer Zeit waren die gelbgekleideten Choristen als musikalische Botschafter Göttingens unter anderem in England und Belgien (2010), Italien (2007), Frankreich (2005), den Niederlanden und Belgien (2002), Italien und der Schweiz (2000), USA (1999) zu Gast. Für das kommende Jahr ist eine besonders spektakuläre Reise geplant: nach Südafrika zum Drakenberg Boys Choir.

Von Michael Schäfer

Jubiläumskonzerte

• Sonnabend, 17. März, 20 Uhr: Konzert mit dem Wiesbadener Knabenchor, den Chorknaben Uetersen und dem Göttinger Symphonie Orchester in St. Johannis. Programm: Mendelssohn „Lauda Sion“ und Mozarts Krönungsmesse KV 317. Dirigenten: Christoph-Mathias Mueller und Michael Krause.

• Dienstag, 1. Mai, 20 Uhr: A-cappella-Konzert des Dresdner Kreuzchores in der Johanniskirche. Orgel: Bernd Eberhardt.

• 13. bis 15. Juli: Jubiläumswochenende mit Chorkonzert des Knabenchores am 14. Juli um 16 Uhr in der Aula des Felix-Klein-Gymnasiums.

• Mittwoch, 26. September, 18 Uhr: Jubiläumsempfang im Alten Rathaus.

• Sonnabend, 15. Dezember, 18 Uhr: Weihnachtskonzert in St. Albani, unter anderem mit einem Werk von Franz Herzog.