Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional „Natürlich will ich einen Teil meines Herzens in Göttingen lassen“
Nachrichten Kultur Regional „Natürlich will ich einen Teil meines Herzens in Göttingen lassen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:47 05.03.2010
Anzeige

Wir haben uns ungefähr vor 20 Jahren in Karlsruhe im Hotel unterhalten, kurz bevor Sie künstlerischer Leiter der Göttinger Händel-Festspiele wurden. Da haben Sie mir gesagt, Ihre Vorstellung sei es, Göttingen zu einem Zentrum der barocken Oper zu machen. Wieviel von diesem Traum haben Sie verwirklichen können?
In diesen 20 Jahren haben wir ungefähr 20 Opern gemacht. Das ist nicht schlecht. Und zwar in Barockregie, mit Doris Dörrie, mit Igor [Folwill] in verschiedenem Stil. Wir – die ganzen Festspiele – können stolz darauf sein, dass wir jedes Jahr eine Oper gemacht haben. In John Eliot Gardiners Zeit wurden relativ wenig Opern aufgeführt. Wir sind in den 20 Jahren zum originalen Konzept der Festspiele zurückgekehrt. Ich finde, das haben wir sehr gut gemacht.
Ihr ursprüngliches Konzept war es, die historische Aufführungspraxis auf musikalischem Gebiet auf die Bühne zu übertragen. Doch das hatte nicht immer Erfolg.
Ich mag das sehr. Aber es gibt Leute, die mögen das nicht.

Es gibt dann Kritiker, die sagen „Museum“ …
… dann haben wir Regie in anderem Stil gemacht. Manchmal muss man einen anderen Stil wählen, zum Beispiel bei „Julius Caesar“: Diese Oper ist wirklich zu groß für das Deutsche Theater. Wenn man sie in die Stadthalle verlegen muss, da gibt es beispielsweise kein Proszenium: Also mussten wir es anders machen. Damit habe ich kein Problem. Was für mich interessant ist: Überall in Europa kann man eine sehr moderne Regie sehen, in Hannover oder in München oder in London, aber man kann wirklich sehr selten eine Barockregie sehen, vielleicht in Drottningholm. Wenn wir Barockregie gemacht haben, war das neu für Deutschland. Das ergibt für mich, darf ich sagen, eine Einheit zwischen der musikalischen Welt und dem, was man auf der Bühne sieht. Das ist nichts gegen das, was Doris [Dörrie] gemacht hat. Bei ihr gab es große Unterschiede zwischen Bühne und Musik. Aber es war dennoch eine sehr gute Parallele.

Anzeige

Zur Person

Nicholas McGegan, geboren 1950 in Sawbridgeforth in England, ist Cembalist, Flötist, Dirigent und Experte für Alte Musik. Er studierte an den Universitäten in Oxford und Cambridge sowie am Royal College of Music in London und trat bereits in den 1970er Jahren als Flötist bei Aufnahmen in barocker Aufführungspraxis hervor. Zeitweise gehörte er den English Baroque Soloists unter John Eliot Gardiner an. Seit 1985 ist er musikalischer Leiter des Philharmonia Baroque Orchestra in San Francisco/USA.

1991 trat er als künstlerischer Leiter der Göttinger Händel-Festspiele die Nachfolge von John Eliot Gardiner an. Von 1993 bis 1996 war er Leiter der Festspiele im schwedischen Drottningholms Slottsteater. Als Gastdirigent hat er mit dem St. Paul Chamber Orchestra, dem Cleveland Orchestra, dem Milwaukee Symphony Orchestra, den New Yorker Philharmonikern und zahlreichen weiteren Orchestern zusammengearbeitet. Er hat mehr als 100 CDs eingespielt. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen gehört der Händel-Preis der Händel-Festspiele in Halle sowie eine Honorarprofessur an der Georg-August-Universität Göttingen.

Was halten Sie von modernen Regieexperimenten auf der Opernbühne?
Manchmal kann man eine Regie sehen, die sehr hässlich ist, mit Autos auf der Bühne und so, und im Orchestergraben spielen wir „Figaros Hochzeit“. Das eine hat wirklich nichts mit dem anderen zu tun. Ich habe damit manchmal Probleme. In Deutschland ist solch eine Regie normal. Ich hatte den Plan, dass wir das in Göttingen nicht so machen. Es gibt Leute, die auf kontroverse Auseinandersetzungen aus sind, nicht auf Skandale. Sie möchten, dass man eine Kritik in einer großen deutschen Zeitung bekommt, eine Auseinandersetzung mit der Regie. Und die Kontroverse ist dann womöglich wichtiger als die Frage, wie wertvoll denn die Regie war. Dann diskutiert man in jedem Café in Hannover über die Oper – nebenbei bemerkt, das ist gar nicht so schlecht…

… aber es ist nicht das Einzige.
Das ist sehr gut für ein Opernhaus, das in einem Jahr zehn Opernpremieren haben kann. Da ist dann der eine Regiestil sehr konservativ, der andere sehr experimentell. In Göttingen können wir bei den Festspielen nur eine einzige Oper präsentieren. Immerhin haben sich aber unsere Möglichkeiten verbessert. 1991, als ich die Regie bei der ersten Oper gemacht habe, hatten wir vielleicht drei oder vier Tage im Theater und ein sehr kleines Budget. 2009 mit Doris Dörrie waren wir fast zwei Wochen lang im Theater, und wir hatten ein viel größeres Budget. Darüber bin ich sehr froh.

Welche Arbeitsbedingungen herrschen jetzt in Göttingen?
Heute unterstützen die Mitglieder der Göttinger Händel-Gesellschaft die Oper, Intendant Benedikt Poensgen arbeitet gut mit dem Theater zusammen. Die Festspiele sind wirklich gewachsen in Richtung Theater. Sie befinden sich jetzt auf einem wunderbaren Niveau. Ich bin sehr glücklich, dass ich meinem Nachfolger ein sehr gutes System übergeben kann. Ich finde, alles ist in einem sehr guten Zustand, vor allem im Hinblick auf die Oper, das ist wunderbar.
Wir sagen in Deutschland, dass Sie Ihrem Nachfolger ein gut bestelltes Haus hinterlassen.
Genau. Ich finde das wichtig, denn im Jahr 2020 wird das hundertjährige Jubiläum der Festspiele gefeiert, und ein Nachfolger hat dann die Möglichkeit, das vorzubereiten.


Sie bleiben bis 2011 in Göttingen. Sind die Festspiele 2011 noch Ihre Festspiele oder hören Sie vorher auf?
Nein. Für 2011 ist schon alles geplant. Wir haben schon eine Oper, alle Sänger sind benannt, wir haben ein Konzept. Ich werde das Oratorium dirigieren und die Oper. Diese Oper hat im weiteren Sinne etwas mit Frankreich zu tun – nein, wir machen keine Rameau-Oper –, und dann plane ich ein großes Gala-Konzert mit Sängern, die in den letzten zehn Jahren (oder mehr) hier gesungen haben. Denn ein neuer künstlerischer Leiter bringt seine eigene Besetzung mit. Für unsere Sänger ist es daher auch ein Abschied. Wir könnten zehn oder zwölf Sänger auf die Bühne bringen, die in Göttingen beliebt sind.

Und was für eine Oper planen Sie für 2011?
Zur Oper kann ich noch nichts Genaues sagen, aber ich habe ein Konzept, das zugleich barock und nicht barock ist. Also: Es wird ein bisschen in Richtung Barocktheater gehen, aber mit anderen Elementen vermischt sein. Und das könnte für das Publikum sehr interessant werden – ein bisschen aus meinen alten Traum von der Barockoper, aber mit einem Schuss von etwas Neuem. Ich hoffe, ich habe damit nicht zuviel gesagt.

Was haben Sie für 2010 geplant?
In diesem Jahr haben wir „Tamerlano“. John Eliot Gardiner hat in Göttingen die Oper 1985 aufgeführt, in der Stadthalle und nur halbszenisch. Ich bin sehr froh, dass die schwedische Regisseurin Johanna Garpe kommt. Ich habe von ihr in Drottningholm Monteverdis „Ulisse“ gesehen. Johanna ist Sängerin und Regisseurin. Es wird eine moderne Regie, aber sie ist sehr stilbewusst. Und weil ist eine Sängerin ist, hat sie ein sehr gutes Verständnis dafür, was man auf der Bühne machen kann …

… sie müssen dann nicht alle liegen, während sie singen …
… ja, es muss nicht alles „upside down“ sein. Ihr „Ulisse“ war charmant, witzig, schön, sehr professionell, aber nicht so extravagant. Es wird nicht so ein Konzept sein wie das von Doris Dörrie, aber es wird sicherlich eine sehr gute, moderne Regie. „Tamerlano“ ist ein Meisterwerk von Händel. Die Rolle des Bajazet ist mit Thomas Cooley besetzt, der hier oft in Oratorien zu hören war: Er wird dann Händels allerbeste Operntenorrolle singen. Das wird ein musikalischer Höhepunkt sein. Cooley ist ein sehr guter Schauspieler, wie er zum Beispiel im Gärtnerplatztheater in München bewiesen hat. In Händels Opern gibt es sehr wenige Rollen für Tenöre – ich bin begeistert, dass er kommt. Damit er für uns diese Rolle singen kann, hat er ein anderes Engagement abgesagt. Das freut mich für Göttingen ganz besonders.

Jetzt machen wir einmal eine virtuelle Konstruktion: Sie bekommen von mir einen Etat von 10 Millionen Euro. Welchen Traum würden Sie dann verwirklichen?
Es wäre wunderbar. Ich denke, etwas, das wirklich wunderbar wäre, wäre ein Theater.
Gut, dann bauen wir also in Göttingen erstmal ein Theater.
Wir waren in Drottningholm diesen Sommer, das ist ein schönes Theater, ebenso schön wie das Deutsche Theater, aber Drottningholm hat eine perfekte Akustik für die Oper. Das Deutsche Theater ist ein wunderbares Theater, aber es ist als Sprechtheater konstruiert. Es ist akustisch ein bisschen trocken. Wir haben in Göttingen zum Beispiel die Aula der Universität, die hat eine herrliche Akustik, und die Stadthalle ist o.k., sie ist ein sehr guter Konzertsaal ...

… ein zweckmäßiger Bau, ja …
… ja, sie ist nicht schön, aber für die Ohren gut. Aber es ist überall sehr schwer, ein wirklich gutes Theater für Musik zu haben. Natürlich, die alte Wiener Oper zum Beispiel …

… ja, die holen wir nach Göttingen.
Es wäre natürlich wunderbar, wenn das Theater größer wäre, zum Beispiel Platz für 1200 Zuschauer anstatt 500. Und dann kann man dort nicht nur Barockoper spielen, sondern auch Mozart und so weiter. Das wäre natürlich fantastisch. Und nicht nur für die Händel-Festspiele.

Würde Sie Ihr Nachfolger um Rat fragen: Was würden Sie ihm sagen, welche Eigenschaften er für Göttingen am nötigsten braucht?
Ich denke, dieser Herr oder diese Frau muss sich sehr bemühen herauszufinden, was Göttingen anderen Händel-Festspielen voraus hat.

Das ist ein guter Rat, glaube ich.
Ja ja. Als ich Nachfolger von Gardiner wurde, musste ich auch überlegen, was Göttingen auszeichnet. Es gibt eine Göttinger Tradition, es gibt auch eine Tradition in Halle und auch eine Tradition in Karlsruhe – und in diesen 20 Jahren hat sich alles gewandelt. Die Mauer ist nicht mehr, die DDR ist nicht mehr, das ganze System der öffentlichen Unterstützung ist anders geworden. So muss man flexibel sein. Und ich denke immer, dass Halle diese riesengroße Festspiele macht – Göttingen wird nie so groß.

Das ist vielleicht auch gerade der Charme von Göttingen.
Ja. Was man in dieser wunderbaren Stadt beibehalten sollte, ist das lange Pfingstwochenende, an dem man kann fast alle Konzerte hören kann, Oper, Oratorium, Kammermusik. Alles muss Spitzenqualität besitzen, nur nicht zu groß. Die Festspiele müssen nicht zwei Wochen dauern: Dann sind es hier wirklich andere Festspiele als in Halle. Sehr wichtig finde ich, was wir in den letzten Jahren eingeführt haben, dass wir nicht nur in der Stadt Göttingen spielen, sondern auch in der Umgebung auftreten mit Kammerkonzerten, dazu mit dem Festspielorchester in Hannover und Dresden. Nächsten Sommer spielen auch beim Schleswig Holstein Musik Festival und im August in Dresden. Letztes Jahr waren wir nicht nur in Göttingen, sondern auch in Schweden und in Schottland. Das ist wunderbar für die Festspiele. Das bietet eine größere Perspektive. Mein Rat ist: weniger Projekte in den Festspielen, die aber öfter aufgeführt. Meiner Meinung nach sollte man ein paar Konzerte geben, ein Oratorium, eine Oper, nicht etwa 20 Opern und zehn Oratorien, aber dann mit der Göttinger Stempel einer Qualitätsproduktion. Gastspiele gehen dann nach Deutschland und anderswohin auf die Welt.

Ihre 20 Göttinger Jahre sind ein Fünftel der Tradition der Göttinger Händel-Festspiele. Das ist sehr, sehr viel. 20 Jahre sind ein Drittel Ihres Lebens – also sind Sie auch ein Drittel Göttinger.
Ja, ich kann und will mich nicht völlig von Göttingen verabschieden. Ich habe Konzerte überall in Deutschland, ich bin in Bochum dreimal dieses Jahr, weil das Ruhrgebiet europäische Kulturhauptstadt ist, und ich arbeite drei Wochen mit dem Bochumer Orchester. So komme ich dieses Jahr schon vor den Festspielen und im Oktober noch ein drittes Mal nach Deutschland.

Spüren Sie eine Bindung an Göttingen?
Natürlich will ich einen Teil meines Herzens in Göttingen lassen. Ich habe viele Freunde da. Und ich habe diese Honorarprofessur an der Universität – vielleicht komme ich einmal, um eine Vorlesung oder einen Vortrag über Oper oder Kultur zu halten. Es kann sein, dass ich zu einem anderen Festspiel eingeladen werde, um zu musizieren, nicht als künstlerischer Leiter. Beispielsweise werde ich manchmal nach Halle eingeladen. Ich habe überall sehr gute Kontakte.

Was hat Sie bewogen, Ihre Position in Göttingen nach 20 Jahren aufzugeben?
Das Problem für mich ist, dass ich mit meinem Orchester in Kalifornien [das Philharmonia Baroque Orchestra] mehr und mehr und mehr zu tun habe. Da wird es zunehmend schwierig, einen Monat oder fünf oder sechs Wochen in Deutschland im Frühling zu verbringen, das liegt genau am Ende der Saison in den Vereinigten Staaten. So muss ich ein bisschen wählen – und 20 Jahre sind für einen künstlerischen Leiter sehr lang.

Aber es war sehr schön, dass es so lang war.
Ich möchte meinem Nachfolger die Chance geben, einen guten Vorlauf für das 100-jährige Jubiläum zu haben. Und ich hoffe, dass mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin mich 2020 nach Göttingen einladen und vielleicht auch John Eliot Gardiner, dass wir alle auf die Bühne kommen können und dieses Jubiläum feiern. Das wäre nicht schlecht.