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Regional Neues Album von Funny van Dannen
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00:17 02.12.2016
Van Dannen
Van Dannen Quelle: r
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Göttingen

Konzert

Funny van Dannen gastiert am Sonnabend, 3. Dezember, in der Musa in Göttingen, Hagenweg 2a. Das Konzert beginnt um 20 Uhr.

„Er brachte sich das Singen bei wie eine Wunde“, heißt es in Ihrem Album. Hat das tatsächlich jemand über Sie geschrieben?

Funny van Dannen: Das habe ich erfunden, das hat keiner geschrieben. Aber es wäre doch schön gewesen!  

Welches Verhältnis haben Sie zu Ihrer Stimme?    

Wenn man sich das erste Mal selbst hört, kann man sich nur schlecht daran gewöhnen und denkt immer: Bin ich das tatsächlich? Aber mit der Zeit findet man sich mit dem ab, was man hat. Es mag Leute geben, die ihre eigene Stimme besonders toll finden, aber ich gehöre nicht dazu. Ich habe dazu eher ein neutrales Verhältnis.  

Es heißt, man müsse sich als Künstler zuerst selbst lieben können, um zurückgeliebt zu werden.    

Es steht nirgendwo geschrieben, dass man sich selbst lieben beziehungsweise seine Stimme ganz toll finden muss. Meine Stimme ist einfach so wie sie ist.  

Warum machen Sie Musik?   Ich habe mich schon immer durch Musik und Bildende Kunst ausgedrückt. Das ist auch ein gewisser Zwang. Ich muss aufpassen, dass ich diesem Druck nicht immer nachgebe. Aus Jux und Dollerei habe ich sogar schon mal Tanzmusik gemacht.  

Ihr Album „Come On – Live im Lido“ enthält ausschließlich neue Stücke, die Sie vor Publikum aufgenommen haben. Was spricht gegen Studioproduktionen?  

Studio-CDs sind bei mir eher die Ausnahme. Das hat sich so ergeben. Meine erste CD wurde live aufgenommen - und kam gut an. Da haben wir die zweite auch live aufgenommen. Die dritte war dann eine Studioproduktion. Und dann hieß es, die sei nicht so gut. Machen wir also wieder eine Live-Platte! Das hat sich bis heute so fortgesetzt. Es ist immer ein tolles Gefühl, Lieder zum ersten Mal vor Publikum zu spielen. Man weiß nie, wie sie ankommen.  

Was gab Anlass zu dem Lied „Wir Deutschen“?    

Das war die Aufregung und Hysterie um die Flüchtlingsdebatte. Das ganze Nationalthema, das da wieder aufkam: Was ist deutsch? Was gehört zu uns? Im Zuge dessen wollte ich das, was ich in dem älteren Lied „Vaterland“ schon einmal besungen habe, auf den aktuellen Stand bringen. Mir war wichtig, dieses ganze hysterische Gedöns etwas zu entdramatisieren. Die Leute tun ja so, als würde das Wohl und Weh von Deutschland von ein paar tausend Flüchtlingen abhängen.  

Sind Sie stolz, ein Deutscher zu sein, der „Flüchtlinge rein lässt und auf erneuerbare Energien setzt“?   

Ich bin auf gar nichts stolz. Dieses Gefühl ist mir völlig fremd. Deutsche sollten überhaupt den Mund halten, wenn es um Stolz geht. Was wir der Welt angetan haben, reicht dafür, dass wir mindestens 100 Jahre die Fresse halten. Im Zweiten Weltkrieg sind allein 27 Millionen Russen ums Leben gekommen. Wie viel Leid und Elend hängt daran! Sich dann hinzustellen und zu sagen: Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein, ist einfach nur dumm. Wir sollten demütig und froh sein, dass die restliche Welt uns noch freundlich begegnet. Aber natürlich dürfen wir selbstbewusst sein, was unsere Errungenschaften und gesellschaftlichen Leistungen anbelangt. Das ist ja alles prima. Deutschland ist ein guter Ort zum Leben. Ich bin zwar realistischer geworden, aber ich setze immer noch auf die guten Kräfte der Menschheit.  

Hätten Sie je damit gerechnet, dass der Nationalismus so geballt zurückkehren würde?    

Nein, das hätte ich nie gedacht. Aber das hat natürlich auch seinen Grund. Die Leute, die von der Leistungsgesellschaft ausgeschlossen werden, sind zum Teil sehr frustriert, das hat auch etwas mit unserem System zu tun. Da stauen sich Frust und Aggressionen auf. Und der Nationalismus ist dafür ein Ventil, damals wie heute. Manchmal stelle ich sogar bei mir selbst Ressentiments und Unzufriedenheit fest.  

Die rechtspopulistische AfD ist auf dem Vormarsch. Was ist das Problem der etablierten Parteien?  

Wir bräuchten viel mehr Leute mit Ausstrahlung. Die fehlen heute. Oft hängt es an einzelnen Typen, die ganz viel Positives ausrichten können. Die eine klare Meinung und ethische Grundsätze haben und nicht immer nur auf Umfrageergebnisse schielen. Unsere Politiker haben nicht die Klasse, die sie eigentlich haben sollten. Wirklich fähige Leute gehen lieber in andere Bereiche, wo mehr Geld zu verdienen ist. Wieso gibt es heute so wenig Idealismus? Ich glaube, Wohlstand verdirbt uns ein Stück weit.  

In dem ironischen Lied „Der Albtraum“ besingen Sie einen Traum, in dem Sie Wolfgang Schäuble verprügeln. Ist das versteckte Kritik am Kapitalismus?  

Ja schon. In dem Lied geht es um dieses Gefühl der Ohnmacht. Es passieren Sachen, die viele Leute nicht okay finden, die aber einfach durchgedrückt werden von denjenigen an den Hebeln.  

Was macht den Kapitalismus genau aus?    

Dieses Systematische. Er durchdringt wirklich alle Lebensbereiche. Auch wenn man denkt, das hat gar nichts mehr mit Kapitalismus zu tun, ist man trotzdem in ihm drin. Er durchdringt sogar die psychischen Verästelungen und Feinheiten des Lebens. Das macht ihn so gefährlich.  

Gibt es noch Hoffnung auf Veränderung oder sind wir schon hoffnungslos im Kapitalismus versunken?    

Solange Menschen sich ein besseres System vorstellen können und sich gegen den Kapitalismus wehren und sich ihre Freiheiten nehmen, gibt es immer Hoffnung. Auch für den Kapitalismus wird irgendwann die Zeit abgelaufen sein. Keiner kann überblicken, wann es Zeit wird für ein neues Wirtschafts- oder Gesellschaftssystem. Aber der Kapitalismus hat auch gute Aspekte: Leistungsbereitschaft und Leistungssteigerung sind per se nichts Schlechtes. Man muss aber abschätzen können, wann etwas ins Negative kippt.  

Auf dem Album stellen Sie die provokante Frage, ob das Geheimnis von Fußball latente Homosexualität sei. Haben Sie keine Angst vor einem Shitstorm?

Das ist mir völlig egal! Mich nervt schon lange, dass so ein Gedöns gemacht wird um schwul oder nicht schwul. Welchen vernünftigen Menschen interessiert es, ob in der Nationalmannschaft ein schwuler ist oder zehn? Das ist doch völlig unerheblich. Es geht doch nur darum, dass sie gut Fußball spielen. Dieses Versteckspiel ist unsäglich. Wir leben im Jahr 2016, da müsste es doch möglich sein, in einem Land wie Deutschland eine andere Einstellung zu haben, die nicht von diesen Deppen dominiert wird, die da auf den Rängen dämliche Parolen grölen.  

Wie erklären Sie sich die Homophobie dieser Tage?

Das ist ähnlich wie beim Nationalismus: Man kann darüber Dampf ablassen. Man hat einen Sündenbock, man kann auf Leute, die irgendwie anders sind, herabschauen und seinen Hass ablassen. Deshalb wird sich auch so schnell kein Fußballer outen. Dafür habe ich auch Verständnis.  

Glauben Sie eigentlich wirklich, dass der Fußball wegen der latenten Homosexualität so attraktiv ist?  

Van Dannen: Ich finde, da ist schon was dran. Ich sehe das nicht nur ironisch, um Leute zu ärgern. Der Sport bei den alten Griechen hatte ja auch eine homoerotische Komponente. Beim Sport ist immer auch eine Erotik mit im Spiel. Man muss nicht homosexuell sein, um auch mal einen schönen männlichen Körper in der Bewegung attraktiv zu finden. Das sind fließende Übergänge.  

Trotz einer oftmals ernsten Thematik schwingt in Ihren Liedern immer Ironie mit. Geht es bei Ihnen nicht ohne?  

Das ist bei mir eine Frage der Persönlichkeit. Ich mache auch im Alltag gerne mal ein Witzchen. Ich versuche, Dinge leicht zu nehmen, die nicht so leicht zu nehmen sind. Vielleicht übertreibe ich damit auch manchmal.  

In „Militärisch-industrieller Komplex“ drücken Sie Ihre Abneigung gegenüber dem Militär aus. Was hat Sie zu einem Pazifisten gemacht?  

Ich bin generell ein friedliebender Typ. Gewalt hat mich schon immer abgeschreckt. Leider Gottes braucht man zu jeder Gewalt gleich eine Gegengewalt. Aber grundsätzlich findet wahrscheinlich jeder vernünftige Mensch ein Leben ohne gewalttätige Auseinandersetzungen schöner. Schon als Kind hatte ich ein komisches Gefühl, wenn ich Soldaten gesehen habe. Und später lösten die Grenzer, die ich in Kreuzberg dies- und jenseits der Mauer gesehen habe, ungute Gefühle in mir aus. Obwohl ich nicht persönlich bedroht war.  

Gibt es eine Alternative zu einer Armee?  

So wie die Welt ist, gibt es momentan keine Alternative zu einer Armee. Die Menschen sind leider nicht so, dass es ginge. Diese Ambivalenzen muss man aushalten können. In einer Demokratie muss dann halt darüber abgestimmt werden, wo Einsätze sinnvoll sind und wo man besser wegbleibt. Gottseidank hat Gerhard Schröder damals gegen einen Irakeinsatz gestimmt. Aber andere Militäreinsätze sind bestimmt auch sinnvoll.  

Interview: Olaf Neumann