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Regional Neues von Schnubbel und Schnubbeline
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06:17 31.03.2012
Von Peter Krüger-Lenz
Früher streng geheim: die Tagebücher der kleinen Rebellinnen.
Früher streng geheim: die Tagebücher der kleinen Rebellinnen. Quelle: adl
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Göttingen

Sieben Menschen zwischen Anfang 20 und Mitte 40 haben sich getraut, was einigen deutlich leichter gefallen sein sollte als anderen. Boris beispielsweise, später verrät er im Gespräch auch seinen Nachnamen: Hillmann, hat 1984 im Alter von zehn Jahren geschrieben. Das war also auch „kein Liebestagebuch“, erklärt  er. Um Urlaub ging es, in Jugoslawien. Der kleine Boris rettete eine Katze von einem Baum. Das ist dem Publikum ein kollektives „Ohhh“ der niedlichen Bewunderung wert. Das zweite schon. Mit Brunzli, seinem Stoffbären, den heute seine Tochter liebt, hatte er vorab schon Sympathiepunkte gesammelt.

Anders ist da schon die Seelenpein, die Désirée Grobecker umgetrieben hat, damals um die Jahrtausendwende. Sie war 14 Jahre alt und pubertierte offenbar heftig. „Ich glaube, meine linke Titte wächst“, vertraute sie ihrem diddlmausverzierten Briefbuch an, das sie mit ihrer Busenfreundin führte. Und mit ungleichen Körbchengrößen wollte sie am kommenden Morgen das Haus nicht verlassen.

„Mega panne, mega peinlich“

Ein gewisser Christoph spielt eine herausragende Rolle in dieser Zeit, „mein erster Freund“, sagt Désirée, eine der Initiatoren des Abends. Vier Wochen hielten die zarten Bande. Heute prustet die junge Frau immer wieder vor Lachen beim Vorlesen. „Mega panne, mega peinlich“, nennt sie das, was sie vor einem Dutzend Jahren umtrieb. Dabei ist das, was sie und ihre Freundin sich gegenseitig mitteilten, manchmal sogar erstaunlich reif beobachtet und verfasst.

Manchmal auch sehr emotional: „Woher will die ein neues Gesicht kriegen, wenn King Kong seinen Arsch zurückhaben will?“ Ein kerniger Satz über eine Nebenbuhlerin, mit der die Freundin Désirée aufbauen wollte. Manchmal gibt das Geschriebene auch Einblick in das Freizeitverhalten: „Fahren wir mal nach Nordhausen zum C&A?“

Vanessa Pegel war schon etwas älter, als sie ihr Tagebuch mit Liebe, Trauer und Freude füllte – und mit einem echten Kondom und der ersten Pillenpackung („Warum habe ich die eigentlich genommen? Ist doch gar nichts passiert.“). In einer Disko hat er sie angesprochen. Versicherungen verkaufte er im richtigen Leben, zwei Jahre waren sie zusammen. Und den Porno musste Vanessa aus der Videothek holen, schließlich hatte sie bei einem Spiel verloren. Ein schöner Abend soll’s geworden sein zwischen „Schnubbel und Schnubbeline – so haben wir uns wirklich genannt“, erklärt Vanessa, die heute deutlich jenseits der 30 ist.

Fremdschämen

Viel Beifall ernten die beiden Frauen für ihre Offenheit und ihren Mut, Privatestes in die Öffentlichkeit zu bringen. Das bietet den Besuchern viel Gelegenheit fürs Fremdschämen. Das will das Publikum offenbar erleben an einem solchen Abend. Weniger gerne hören sie Abschnitte aus Ulrich Drees’ „mentalem Tagebuch“, wie er das nennt, was er vorträgt – und was dort nicht hingehört. „Ich schreibe auch Bücher“, sagt Drees, Jahrgang 1967. Was er vorträgt, mag als Jungenphantasie durchgehen. Der Held heißt Johnny und braust mit seinem Ford Mustang durch die Landschaft. Für einen „Diary Slam“ taugt die Geschichte nicht.

An die Spielregeln hält sich Nikolaus „Niki“ Wildberg. Der 37-Jährige hat sich auf eine Fünf-Minuten-Lesung vorbereitet und „eher Raubaukiges und Flutschiges“ als Fotokopie in einer Klarsichthülle mitgebracht. Er liest von schulischen Problemen mit Lehrern und trifft dabei nicht den Nerv seiner Zuhörer.

Zwei Sieger

Das schafft schließlich  noch Martin Burkert. Der mit Anfang 20 Jüngste in der Runde überzeugt nicht mit Schlüpfrigkeiten, sondern mit hübschen Begebenheiten aus seiner Internatszeit in Rostock. In der ersten Hälfte des Abends kellnerte er noch im Nörgelbuff, zum zweiten Teil stieg auch er auf die Bühne, ein bisschen schelmisch und sehr schlagfertig. Das bringt ihm letztlich wohl auch den Sieg – doch nicht ihm alleine.

Den ersten Preis, ein Diddl-Tagebuch und einen Stift, muss er mit Désirée teilen. So entscheidet das Publikum. Wechselseitig sollen die beiden sich nun schreiben, drückt ihnen Moderator Thilo Grösch auf. Beim nächsten „Diary Slam“, spätestens während der Literaturherbst in Göttingen läuft, sollen sie dann daraus vortragen. Die beiden, so hatte es den Anschein, freuen sich jedenfalls schon darauf.

Einen Ausschnitt vom "Diary Slam" im Nörgelbuff hören Sie als Tageblatt-Podcast