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Regional „Nicht alle waren am Haus, die hätten hier sein müssen“
Nachrichten Kultur Regional „Nicht alle waren am Haus, die hätten hier sein müssen“
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17:27 22.04.2010
Mit vielen Passagieren auf großer Bootsfahrt durch die Kulturlandschaft: Hauke Hückstädt. Quelle: Hinzmann
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Sie waren jetzt fast zehn Jahre in Göttingen. Was bedeutet Ihnen die Stadt?

Göttingen bedeutet mir sehr, sehr viel. Das ist auch ein Grund dafür, warum ein Wohnsitz hier bleiben wird. Neben meiner ungetrübten Kindheit, die ich in der DDR erlebt habe, habe ich meine glücklichsten Jahre hier in Göttingen gehabt.

Zehn Jahre Literarisches Zentrum mit rund 400 Veranstaltungen, was waren die aufregendsten für Sie?

Das Schlimme ist, dass jede Veranstaltung aufregend ist, wenn man seine Arbeit mit Respekt vor dem Publikum macht. Das lässt auch nicht nach, auch nicht nach zehn Jahren. So gesehen waren alle Veranstaltungen aufregend. Nervlich anstrengend sind immer die, bei denen man das Steuer loslassen muss, und sich auf die Leute, vor allem auf die Moderatoren verlassen möchte, muss, darf, die auf dem Podium sitzen.

Bei 400 Veranstaltungen haben Sie mindestens 400 Literaten, Schauspieler, Kulturschaffende hier getroffen. Gibt es welche, an die sie sich besonders erinnern?

Es gibt sage und schreibe wirklich nur zwei oder drei Gäste, an die ich mich nicht gerne erinnere in zehn Jahren. Das Zentrum hat immer von seiner Atmosphäre gelebt, und wir haben oft erfahren, dass die Künstler unheimlich gerne hier sind und das Haus und das Programm sehr schätzen. Es gab unzählige Gäste, an die ich mich gerne erinnere und eine große Zahl an Autoren und Künstlern mit denen ich in einer Art schlafenden Kontakt stehe, der jederzeit zu beleben ist. Ich habe eine große Nähe zu den Lyrikern und den Filmemachern. Der Regisseur Dominik Graf ist einer von ihnen. Oder der polnische Lyriker Adam Zagajewski. Dass der australische Poet Les Murray zweimal hier war, ist großartig.

Das ist alles für ein Literarisches Zentrum nachvollziehbar, aber es fällt auf, dass es auch solche Veranstaltungen gab, wie den Abend mit dem Radrennfahrer Rolf Aldag. Wieso das?

Ich wollte das Programm immer verstanden wissen als ein begehbares Feuilleton, ein Begriff, der nun bundesweit bekannt geworden ist. Innerhalb dieses Feuilletons sollte es einen denkbar weitgefassten Begriff geben von kultureller Geistesgegenwart – dazu gehören auch Protagonisten wie Rolf Aldag. Er war dazumal aufgefallen, weil er nach dem Rückzug vom Profisport für das ZDF Radsportereignisse kommentierte. Und auf einmal gewannen diese Radrennen unglaublich an Attraktivität im aufklärerischen, ästhetischem Sinne, weil Aldag ein ganz großer Erzähler ist. Es war im Übrigen eine der leichtesten und selbstverständlichsten Moderationen, die ich erlebt habe. Es war ein Gespräch vor 300 Leuten und es floss. So, wie es sein soll.

Hat das was mit ihrer persönlichen Leidenschaft des Fahrradfahrens zu tun gehabt?

Man sollte das Persönliche und das Berufliche nicht vermischen. Aber der Luxus dieser Arbeit hier ist natürlich, dass ich meine persönlichen Vorlieben und Interessen, aber auch meine Wissenslücken popularisieren konnte. Alles was mich interessiert, was ich unbedingt mal wissen wollte, konnte im Mittelpunkt stehen. Programmentscheidungen sind nicht kollektivierbar und insofern muss jedes gute Programm, Verlagsprogramm oder Veranstalterprogramm, auf seine Weise subjektiv sein.

Können Sie sich an Gäste erinnern, die besonders schwierig zu überzeugen waren, ins Literarische Zentrum zu kommen?

Es gibt hier das geflügelte Wort von ,Anne will nicht‘. Das ist ein Beispiel dafür, dass es uns nicht gelungen ist, jemanden zu gewinnen für dieses Haus, und zwar zu einem Zeitpunkt, als der Stern Anne Will gerade aufging. Sie war ein neues Gesicht für ein großes Publikum als sie anfing die Tagesthemen zu sprechen. Und uns interessierte etwas wie ihre Luzidität dabei. Das war ihr vielleicht suspekt. Sonst haben wir alle bekommen, die wir haben wollten. Bei manchen haben wir es gar nicht erst versucht. Ein Gast, den ich auch immer gern hier gehabt hätte, ist der amerikanische Filmemacher Michael Mann, ein anderer Mike Figgis. Aber man muss auch sehen, wohinein man seine Energien steckt. Darüber hinaus gab es viele Gäste, um die ich sehr gerungen habe – mit sehr viel Energie und Unnachgiebigkeit, da braucht man einen sehr langen Atem und Überzeugungskunst. Sicherlich war der Besuch von Christiane Kubrick, die Ehefrau des großen Regisseurs Stanley Kubrick, kein Zufall, sondern Ergebnis langer Arbeit. Ebenso der des Kameramanns Michael Ballhaus oder des Regisseurs Alexander Kluge vor dem Büchnerpreis.

War das eine Sternstunde in den zehn Jahren, dass jetzt kurz hintereinander Kathrin Schmidt und Herta Müller vor der Verleihung des Deutschen Buchpreises und des Nobelpreise zu Gast waren?

Wir freuen uns natürlich, wenn die Autoren solche Erfolge haben. Meine Einstellung war aber immer, zu Autoren zu stehen, bei gutem wie schlechtem Wetter. Kathrin Schmidt war im Winter vergangenen Jahres zum dritten Mal am Haus und hat vorher jeweils vor zehn bis 20 Leuten gelesen. Und das ist die Basis auf der es dann eben auch möglich ist, dass sie trotz des Buchpreises und der vielen Anfragen, die es dann gab, trotzdem hierher kommt. Für Herta Müller ist es ein schönes Ereignis, aber auch für die deutschsprachige Literatur. Unsere Einladung war einfach, wir haben sie im Frühjahr 2009 ausgesprochen, und da war vom Nobelpreis noch gar nicht die Rede. Manchmal kommt es eben so. Und ich glaube, man könnte es auch als eine Belohnung für kontinuierliche Arbeit sehen.

Wenn Sie jetzt auf diese zehn Jahre zurückblicken: Gibt es Entscheidungen, beim Aufbau des Zentrums, die Sie heute als besonders glücklich bezeichnen können?

Eine gute Entscheidung war es von Hans-Ludwig Arnold vom Vorstand des Zentrums und von mir, die Arbeit mit den Studenten in diesem Haus zu etablieren. Eigentlich aus der Not einer zu dünnen Personaldecke entstanden – nach wie vor ist die Geschäftsführung die einzige Fest- bzw. Vollanstellung des Zentrums – haben wir mit diesen Volontariaten für Literaturmanagement der Georg-August-Universität bundesweit etwas Einmaliges geschaffen – eine glückliche Entwicklung. Wir haben es geschafft, einen mittelgroßen Kulturbetrieb zu simulieren. Das ist bislang nicht aufgeflogen, und das wird auch die Herausforderung für die Zukunft sein, diese Simulation weiter aufrechtzuerhalten. Das finanzielle Gesamtvolumen, also das, was wir einwerben, was wir aber auch ausgeben, hat sich nahezu verdreifacht. Natürlich hat sich dadurch auch das Arbeitsvolumen vermehrfacht. Wichtig waren auch Netzwerke für die Entwicklung des Literarischen Zentrums vor allem in den ersten drei Jahren. Dazu gehört der Landschaftsverband Südniedersachsen, der dieses Haus von Anfang an gefördert hat und immer noch unterstützt. Auf unfassbar gute Weise war neben dem Land und der Stadt Göttingen der Landschaftsverband eine eminente Säule für das Haus. Und es ist doch auch ein Zeugnis für die Kulturpolitik hier, dass das, was wir dank ihrer Entscheidungen realisieren konnten, in Frankfurt als Maßstab genommen wird.

Gibt es etwas, was hätte besser laufen können? Was fehlt dem Zentrum? Wo konnte die Lage verbessert werden?

Wirtschaftlich fehlt es dem Zentrum an nichts – um zu überleben. Was dem Zentrum fehlt, ist ein größerer Verein mit zahlreichen Mitgliedern. Das ist ein Punkt, wo wir jetzt gerade nachfassen. Das Literaturhaus in Frankfurt (das Hückstädt ab Mai leitet, Anm. d. Red) beispielsweise hat 1000 Mitglieder, das Literarische Zentrum weniger als 20.

Es gibt in Göttingen wenig andere, die Lesungen organisieren oder ähnliche Dinge, wie das Literarische Zentrum. Aber es gibt den Literaturherbst. War das eine Konkurrenz in dieser Zeit?

Ach der Literaturherbst, ich mag ihn ja, er hat mich toll begleitet in all den Jahren. Ich hatte noch keinen Wohnsitz in Göttingen, doch die Aufgabe – O-Ton Stadt Göttingen und auch des Landes Niedersachsen: ‚Stellen Sie den Burgfrieden wieder her.’ Also das Kind war schon im Brunnen, als ich hier ankam. Wir haben dann versucht zusammenzuarbeiten. Und es ist doch rechtens zu sagen, das geht nicht zusammen – um es neutral auszudrücken. Man kann sagen, dass dieser Literaturherbst mich in meiner Arbeit nie eingeschränkt hat. Er hat dem Haus nicht geschadet, im Gegenteil. Man kann sagen, dass der Literaturherbst sein Profil ändern musste.
Gibt es auf ihrer Liste der Menschen, die Sie eingeladen haben, noch welche, die nicht erledigt sind, die Sie gerne noch hier getroffen hätten, die Sie jetzt vielleicht in Frankfurt treffen?

Das Schöne an der Beschäftigung mit Kultur und mit Literatur ist ja, dass es eine große Bootsfahrt ist, bei dem Passagiere dazusteigen und andere das Boot auch verlassen. Es waren ja auch Gäste hier, die später gestorben sind. Insofern: es kommen immer wieder neue Stimmen und Köpfe dazu. Und man kann nur eine bestimmte Anzahl von Menschen einladen, dabei notgedrungen entstehende Lücken sind Programm: wir gehen davon aus, dass nicht alle am Haus waren, die hätten hier sein müssen.

Was sind die beiden wichtigsten Tipps, die sie ihrer Nachfolgerin Anja K. Johannsen mit auf den Weg geben würden?

Ich finde ja nicht, dass ich in einer Position bin, meiner Nachfolgerin Tipps zu geben. Aber was sich immer empfiehlt, ist, unbeirrbar seinen eigenen Ansprüchen zu folgen und sich dafür einzusetzen, seine ureigensten Interessen zu popularisieren. Ich glaube, das ist das Höchste, was man erreichen kann.

Am 1. Mai fangen Sie in Frankfurt an, fahren Sie hier in Göttingen noch die Tour d’ Energie mit, das Jedermann-Rennen für Freunde des Radsports?

Ich wäre gerne mitgefahren, ich habe auch eine ganz niedrige Startnummer, da ich mich früh angemeldet hatte. Doch bevor es in Frankfurt losgeht, will ich mit meiner Lebensgefährtin noch einmal in den Urlaub fahren und kann also nicht starten. Ich habe mich jedoch umgemeldet für 2011. Die Konkurrenz in meinem Starterfeld kann sich also den Druck für nächstes Jahr aufheben. Es wäre auch schwer geworden, mich zu verbessern, da ich doch im vergangenen Jahr eine gute Zeit gefahren bin.

Mit welcher Veranstaltung starten Sie in Frankfurt?

Frankfurt ist bislang ein weißes Blatt. Ich gehe ganz bewusst ohne vorgefertigtes Programm in dieses Haus nach dem Motto, so hat es in Göttingen geklappt, so machen wir es in Frankfurt auch, fertig, Haube drauf. Ich werde mich erst einmal mit den Mitarbeitern dort austauschen, ein Gefühl entwickeln für die Stadt, für das Haus. Und dann gibt es tatsächlich Listen. Ich habe Ideen und werde dann in relativ kurzer Zeit das erste Programm dort entwickeln.

Die Abschlussfrage: Sie haben jetzt wahrscheinlich auch in Unkenntnis, dass sie nach Frankfurt wechseln werden, aber auch aus der Notwendigkeit heraus das nächste Halbjahresprogramm auf den Weg gebraucht, das Sie nicht bis zu Ende durchziehen können. Werden Sie trotzdem hin und wieder zu einer dieser Veranstaltung kommen, oder ist das dann tatsächlich das Feld für die Nachfolgerin?

Das ist tatsächlich auch ein Programm, dass mir – wie alle Programme – sehr lieb ist. Und es fällt mir schwer, nicht zu kommen. Aber ich möchte hier keinem zwischen den Beinen herumstehen. Und wenn ich komme, werde ich fast nicht sichtbar sein, Zuschauer in der letzten Reihe. Genauso wird es sein.

Regional Festival mit Lokhallen-Spektakel und Klangzug - „Sounding D“: Neue Musik in denkmalgeschütztem Industriebau

Vor fast sechs Jahren begeisterte das Festival „Geschwindigkeit“ rund 5000 Besucher in Göttingen. Zentraler Programmpunkt war damals die Uraufführung der Raumkomposition „beschleunigung.lokhalle.9/04“ des Komponisten Daniel Ott.

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