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Regional Musik wie ein Sonnenaufgang
Nachrichten Kultur Regional Musik wie ein Sonnenaufgang
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11:34 26.06.2017
Quelle: Udo Hinz
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Göttingen

Nach seinem Sieg beim internationalen Donatella-Flick-Dirigier-Wettbewerb im November 2016 nutzt er die Chance einer internationalen Karriere. Er geht als „Assistent Conductor“ zum London Symphony Orchestra, um mit Gast- und Chefdirigenten zusammen zu arbeiten und eigene Dirigate wahrzunehmen. Am Sonntag gab er mit der Orchestervereinigung sein letztes Konzert – es wurde ein grandioser Abschied.
Die Früchte der Zusammenarbeit zwischen Orchester und Dirigent zeigen sich gleich zu Beginn des Konzertabends: Die lebensfrohe Ouvertüre zu „Die Hochzeit des Figaro“ von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) spielen die einzelnen Instrumentengruppen sehr präzise und mit einer Dynamik zwischen sensiblem Flüstern bis zu prunkvollem Orchesterklang. Dann kommt der erste Glanzpunkt des Abends: das 5. Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven (1770-1827) – sein letztes Klavierkonzert. Im Mittelpunkt hier steht die wunderbare Pianistin Franziska Glemser.  Die 1989 geborene Musikerin liebt am Flügel eine hell klingende Klarheit im Klang. Geschmackvoll lotet sie aus zwischen leisem und kraftvollem Spiel. Dabei kann sie auf den Tasten zuweilen so schön träumen, dass ihr Spiel direkt ins Herz des Zuhörers geht. Sie agiert virtuos – aber stets musikalisch. Das Orchester gibt dem Klavierkonzert die nötige Dramatik: Vom kräftigen und mit militärischen Rhythmen geprägten Allegro, über das friedlich-lyrische mit warmklingenden Bläser ausgeschmückte Adagio hin zum erhebenden, heiter-tänzerischen Rondo Allegro. Die Pianistin bedankt sich für den Applaus mit einem Solostück von Alexander Skrjabin – erneut äußerst gefühlvoll interpretiert. Von dieser hochtalentierten Pianistin möchte man noch öfters und noch viel mehr hören. Eine Entdeckung!
Mit der 2. Sinfonie von Jean Sibelius (1865-1957) aus dem Jahre 1901/02 beweisen Dirigent und Orchester nach der Pause, dass sie genügend Atem für einen langen Spannungsbogen haben sowie bis zum letzten Ton mitreißend spielen und begeistern können. Das Werk ist reizvoll, da es der Finne größtenteils in Italien komponierte. Hier trifft nordischer Schwermut auf mediterrane Lebensfreude. Zugleich glänzt das Werk durch sehr viele interessant aneinander gereihte melodische Ideen. Man spürt: Sibelius will in den vier Sätzen musikalisches Neuland betreten. Mit einer um Blechbläser und zusätzliche Kontrabässe auf über sechzig Musiker erweiterten Besetzung durchlebt das Orchester unterschiedlichste Gefühlswelten. Dirigent Hoffmann hat hier die einzelnen Instrumentengruppen sehr prägnant herausgearbeitet. Dadurch wirkt das Werk sehr abwechslungsreich.
Die Sinfonie startet im Allegretto mit einem spannungsgeladenen Optimismus, den der Klangkörper bis ins Fortissimo steigert. Das Andante ergreift durch einen ernsten, leicht bedrohlichen Duktus. Im folgenden Vivacissimo soliert Nora Bach auf der Oboe ein erhebendes Thema mit sehr schönem Ton. Im finalen Allegro Moderato steigert sich das Orchester und zeigt wie viel Kraft es noch hat. Das Schlussthema wirkt ergreifend, energiegeladen und lichtdurchströmt wie ein Sonnenaufgang.
Das Publikum feiert das Orchester und Niklas Benjamin Hoffmann zu Recht mit lang anhaltendem Applaus. Der Dirigent bedankt sich bei seinem Orchester für zwei Jahre der Zusammenarbeit und beim Publikum für seine Treue. Der nach London ziehende Orchesterleiter verabschiedet sich mit einer passenden Zugabe: einer Enigma-Variation des englischen Komponisten Edward Elgar.

Von Udo Hinz