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Regional Nino Haratischwili liest aus „Die Katze und der General“
Nachrichten Kultur Regional Nino Haratischwili liest aus „Die Katze und der General“
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12:59 19.10.2018
Lesung von Nino Haratischwili „Die Katze und der General“. Quelle: Swen Pförtner
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Göttingen

Einmal über den Marktplatz bis hinein in die Rote Straße reichte der Schlange der Neugierigen, die die aus Georgien stammende, in Hamburg lebende Schriftstellerin Nino Haratischwili beim Göttinger Literaturherbst erleben wollten. „Die Katze und der General“ ist erst seit sieben Wochen auf dem Markt, die deutschsprachigen Zeitungsfeuilletons haben sich bis hin zur Neuen Zürcher schon daran abgearbeitet. Und immerhin schaffte es der Roman auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises – weiter kam er nicht, aber die Nominierung ist sicherlich ein Zeichen besonderer Wertschätzung, auch wenn manche Rezensenten eher unsanft mit dem Werk umgegangen sind.

Mit Göttingen verbinden Haratischwili „viele sentimentale Gefühle“, bekannte die 35-Jährige im einleitenden Gespräch mit NDR-Literaturredakteur Joachim Dicks. Denn 2010 wurde sie Hausautorin am Deutschen Theater (DT), an dem Felix Rothenhäusler 2010 die Uraufführung ihres Stückes „Zorn“ inszenierte. 2011 führte sie selbst Regie am DT bei der Uraufführung ihres Schauspiels „Das Leben der Fische“.

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Tschetschenienkrieg

Um den Tschetschenienkrieg geht es in ihrem neuen Roman. „Das ist ein Nachbarland Georgiens, über das ich sehr wenig wusste“, berichtete sie. Nach dem zweiten Tschetschenienkrieg sei sie mit vielen Flüchtlingen in Berührung gekommen und habe so einiges über die furchtbare Geschichte dieses „sehr, sehr isolierten“ Landes erfahren. Ausgangspunkt ihres Romans ist ein historisch belegtes Verbrechen. Eine russische Einheit habe nach schweren Kämpfen in der Hauptstadt Grosny Urlaub in einem abgelegenen Bergdorf gemacht, wo kein Krieg herrschte. Doch die Soldaten „hielten die Normalität nicht mehr aus, haben paranoid Feinde, Scharfschützen und Terroristen gewittert“. Schließlich hätten sie in einer Gewaltorgie das Dorf überfallen, Häuser angezündet und eine 17-Jährige vergewaltigt und ermordet.

Haratischwili verschränkt in ihrem 750-seitigen Roman zwei Zeitebenen: zum einen die tschetschenischen Kriegsereignisse Mitte der 1990er-Jahre, zum anderen die Situation in der jüngsten Vergangenheit in anderen Weltregionen, in Moskau, Berlin, Venedig, Marrakesch oder Wien. Aus beiden Erzählsträngen las die Autorin kürzere Abschnitte, zunächst den Prolog, in dem sie Nura vorstellt, das Mädchen, das ermordet werden wird, dann eine Szene aus dem Jahr 2016, die in Wedding unter Migranten aus den postsowjetischen Staaten spielt und in der es, so Haratischwili, „nicht nur schlimme, sondern auch lebensbejahendere Passagen“ gibt.

Wie entsteht das Böse?

Der Anlass ihres Romans, das Verbrechen, sei „auf 30, 40 Seiten auserzählt“. Es ihr aber vordringlich um die Frage gegangen: „Was bringt Menschen dazu, so etwas zu tun? Wie entsteht eigentlich das Böse?“ Deshalb habe sich der Umfang des Buches erheblich ausgeweitet. Man müsse sich dem Thema aus sehr unterschiedlichen Perspektiven annähern. Die Vergewaltiger und Mörder seien keine Psychopathen gewesen, sondern „ganz normale junge Menschen“, die in einem rechtsfreien Raum Taten verübt hätten, „für die sie keine Konsequenzen, keine Strafe“ hätten fürchten müssen. „Stellt man da komplett den Kopf ab? Folgt man vielleicht Ur-Instinkten?“ Auch für solche Fragen habe sie die zweite Zeitebene benötigt, um die handelnden Personen als „Menschen mit Fleisch und Blut“ mit Biografien auszustatten.

Die Lesung wurde vom NDR aufgezeichnet und wird am 9. Dezember um 20 Uhr auf NDR Kultur in der Reihe „Sonntagsstudio“ ausgestrahlt.

Nino Haratischwili: „Der Teufel und der General“, 750 Seiten, Frankfurter Verlagsanstalt 2018, 30 Euro.

Von Michael Schäfer

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