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Regional Notizen aus der Provinz und das echte Leben
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18:11 21.08.2011
Recherche am Nullpunkt: Johannes Nehlsen als Moritz von Uslar.
Recherche am Nullpunkt: Johannes Nehlsen als Moritz von Uslar. Quelle: EF
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Joachim von Burchard (Inszenierung) und Nicola Bongard (Dramaturgie) nennen ihr Stück selbst eine „bescheidene Bestandsaufnahme prekären, typisch deutschen Lebens zwischen Hungerlohn, Hartz IV und Humankapital. Entstanden ist eine literarische Collage über das Leben zweier Journalisten unter anderem aus Texten von Katja Kullmanns Buch „Echtleben“ (gespielt von Martina Hesse) und Moritz von Uslars provozierendem Buch „Deutschboden“ (Johannes Nehlsen). Zwei Bücher wie füreinander gemacht. Sie treffen in der M21-Inszenierung unter anderem auf Heinrich Heine - und genau wie der Titel des Stücks vermuten lässt, auf eine gute Portion Ironie.

„Deutschland ist ein feiner Kerl.“ Der Reporter ist erstaunt, dass er diesen Satz wirklich gedacht hat. Denn eigentlich kommen ihm eher Schimpfwörter über die Lippen, wenn er an Deutschland denkt. Zur Recherche begibt er sich zum Nullpunkt, ins absolute Nichts, nach Hardrockhausen, Ultrazappendüsterow. Dort beginnt sein Videotagebuch, in dem er alles über „des Prolls reine Seele, über Hartz IV, Nazirock, Deutschlands beste Biersorten und die Wurzel der Gegenwart“ berichten will. Die liegt bei von Uslar im Osten. Katja Kullmann hat ihre autobiografische Geschichte im Westen angesiedelt: Berlin – Frankfurt – Hamburg. Erst Bestsellerautorin, dann der finanzielle Ruin, der heimliche Gang zur Arbeitsagentur und die bittere Erkenntnis, dass die anderen auch nicht zugeben, von Hartz IV zu leben.

Amüsant, auch für vorbeikommende Passanten, ist der Auftritt von Marie-Thérèse Fontheim. Sie schlängelt sich bäuchlings von der Burgstraße über die Türschwelle in den Saal, spielt einen kurzen Online-Chat mit Frau K. (Martina Hesse) und verschwindet ebenso Aufsehen erregend wie sie gekommen ist auch wieder über die Türschwelle zurück auf die Burgstraße. Die Szene wiederholt sich einige Male. Fontheim ist die Besetzung für alle Nebenrollen. Sie ist genauso überzeugend im Blumenkittel als mürrische Zimmerwirtin und DVD-Verleiherin mit Fleischereifachverkäuferinnen-Qualitäten wie als Arbeitsvermittlerin oder Marmelade kochende Öko-Mutter. Aber sie bleibt dezent, stiehlt keinem die Show. Nicht Martina Hesse, die im biederen Business-Outfit gegen den sozialen Abstieg kämpft und sich für einen Moment besser fühlt, wenn sie ihren Namen googlet. Und auch nicht Johannes Nehlsen, der als Journalist im nahen Osten der Republik in Oberhavel mehr und mehr den Abstand zu den Menschen seiner Reportage verliert und am Ende selbst wie einer seiner interviewten Prolls dasitzt, mit Glatze, Schnaps und Weizenbier.

Deutschland – Ein Wintergarten spielt auf engem Raum. Das ehemalige Ladenlokal bietet wenig Platz für Kulisse. Ein paar Blumentöpfe, ein Schreibtisch, ein Gewächshaus, ein Boxsack, das war’s auch schon. Aber damit begnügt sich das Stück nicht. Wenn’s zu eng wird, huschen die Schauspieler schnell über die Straße und den Hof zur Hintertür wieder herein. Und auch einige Videosequenzen werden effektvoll eingespielt. Unter anderem vom Grill der zu Beginn den beißenden Gestank des Anzünders verströmt. Am Ende der wirklich gelungenen, unterhaltsamen, Aufführung riecht es besser. Die Kohle glüht, Joachim von Burchard spendiert eine Runde Würstchen und das Premierenpublikum jede Menge Applaus.

Wieder am 27. und 28. August und am 3. und 4. September jeweils um 20 Uhr. Reservierungen unter info@theater-m21.de.

Von Eida Koheil