Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Organist Erwan le Prado in St.-Jacobi-Kirche Göttingen
Nachrichten Kultur Regional Organist Erwan le Prado in St.-Jacobi-Kirche Göttingen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:50 16.07.2014
Mit Souveränität und Virtuosität: der französische Organist Erwan le Prado. Quelle: EF
Anzeige
Göttingen

Zu Gast war der französische Organist Erwan le Prado, Jahrgang 1978, ein ausgewiesener Spezialist für spätromantische französische Orgelmusik des 19. Jahrhunderts, wie das gut eine Stunde währende Konzert auf mitreißende Weise bewies.

Mit dem Choral Nr. 2 h-Moll, den César Franck in seinem Todesjahr 1890 komponierte, eröffnete le Prado den Abend: eine ruhige, verhaltene Meditation in warmen Farben, hier und da etwas resignativ, manchmal geradezu mystisch-versponnen.

Anzeige

In diesem weit ausgesponnenen Werk sind auch Töne eines Abschieds von dieser Welt zu vernehmen – und Blicke in jenseitige Sphären. Le Prado artikulierte die musikalischen Linien sehr plastisch und nutzte die reichen Möglichkeiten der Ott-Schmid-Orgel für feinste Registerwirkungen.

Wirkt wie eine ausgearbeitete Komposition

Zum Atemholen vor dem großen Schlussstück hatte der Organist ein klein dimensioniertes Orgelstück von Charles Tournemire gewählt, die „Petite Rhapsodie improvisée“, die ursprünglich eine Improvisation Tournemires darstellte. Fünf seiner Improvisationen wurden 1930 mitgeschnitten und sind später von Maurice Duruflé im Notentext aufgeschrieben worden.

Wie es sich für einen geübten Improvisator gehört, wirkt das fertige Stück tatsächlich wie eine ausgearbeitete Komposition – dass ein Unterschied kaum auszumachen ist, zeigt die hohe Meisterschaft der Improvisationskunst Tournemires.

Darauf folgte die sechste der zehn Orgelsymphonien von Charles-Marie Widor. Spricht man oft von der Orgel als Königin der Instrumente, besitzt Widors Musik schon beinahe kaiserlichen Prunk in ihrer volltönenden Prachtentfaltung und in den glitzernden virtuosen Kaskaden ihrer atemberaubenden Läufe und Dreiklangs­brechungen.

Hochverdienter Beifall prasselt

Wer an der Strenge und Zucht der protestantisch-kirchlichen Orgelmusik nicht so viel Gefallen findet, bekommt hier suchtverdächtigen Genuss pur. Dann macht es auch nicht so viel aus, dass mancher Effekt etwas lärmend ist. Es ist einfach eine prachtvolle Musik – und von le Prado mit einer solchen Souveränität und Virtuosität dargeboten, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt.

Und le Prado setzte noch eins drauf: Zum Ausklang bot er eine Improvisation über ein vom Publikum gegebenes Thema. Er wählte unter den Vorschlägen den abstraktesten, nämlich die Tonfolge, die sich aus den musikalisch verwendbaren Buchstaben des Namens eines seiner Zuhörer – Schäfer (Es-c-h-a-e-f-e) – ergibt.

Aus diesem siebentönigen Thema errichtete er mit staunenswerter schöpferischer Phantasie einen kleinen Kosmos, hier mit einsamen, vogelgleichen Flötentönen, dort mit vollem Werk in außergewöhnlicher Harmonisierung, hier geheimnisvoll polyphon verflochten, dort machtvoll akkordisch. Der hochverdiente Beifall prasselte dementsprechend lautstark.

Von Michael Schäfer