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00:24 21.03.2018
Drogenexzesse, Alkohol und gestörtes Essverhalten machen aus dem gefeierten Popliteraten mehr und mehr ein Wrack. Quelle: Dorothea Heise
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Göttingen

Es gab Zeiten, da hätte Udo Lindenberg unter der Dusche singen und das Entstandene aufnehmen können, und wäre dafür vermutlich gefeiert worden. Und es gab Zeiten, in denen er nicht mehr als ein mitleidiges Lächeln hervorrief, wenn er einen seiner neuesten – Pardon: Wortspiel – Ergüsse präsentierte. „Ejakulator“ lautet dabei ein Stichwort. Ein Gerät mit Schlagzeug-Antrieb zum Bespritzen von Leinwänden zum Zwecke der künstlerischen Gestaltung. Die daraus entstandenen Bilder überzeugten, vorsichtig gesagt, nicht jeden Kritiker. Dennoch gehört er in der Rückschau zu den ganz Großen.

So ähnlich ist das auch mit Benjamin von Stuckrad-Barre. Vermutlich wäre ein von ihm geschriebener Einkaufszettel in den späten 1990er-Jahren als Pop-Literatur durchgegangen. Es hätte nicht dazu kommen können. Denn Benny hatte sich zum Ziel gesetzt, nie kochen zu müssen.

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BerlinHamburgGöttingen

Seine Geschichte, ein wenig Musikhistorie und ein bisschen Göttingen-Spezifisches erzählt die Fassung, die das Junge Theater (JT) in einer Inszenierung von Nico Dietrich am Sonnabend erstmals öffentlich auf die Bühne gebracht hat. Nach Berlin sind nun Hamburg und Göttingen Spielorte der „Panikherz“-Bühnenfassungen. „Und wir sind schon ein wenig stolz darauf“, sagte Intendant Dietrich, bevor er die Gäste des Premierenabends einlud, Alkohol zu sich zu nehmen. Das passte zum Stück: Wieder eine Huldigung Stuckrad-Barres, eine kleine jedenfalls. Und eine zarte Anspielung auf das, was zuvor wenig dezent thematisiert worden war: Rausch.

Das Stück lässt in dieser Hinsicht wenig aus: Es erzählt von den ersten Erweckungserlebnissen durch deutschsprachige Musik, die das jüngste von vier Kindern einer müslifutternden Pastorenfamilie erlebt. Als vor Begeisterung pulsierenden kleinen Menschen – jedenfalls wenn es um Udo Lindenberg und seine Musik geht – spielt die energiegeladene Katharina Brehl den Jungen. Sie zeigt kindliche Versuche, mithilfe eines Wasserstrahls lustvolle Gefühle zu entwickeln, den Glückstaumel der Gewissheit, der Held des Schulhofs zu sein, weil er ein Markenshirt trägt, und bedingungslose Hingabe gegenüber Nutella-Toast.

Panikherz“ zeigt aber auch den Rausch der Machtversessenheit. Andreas Krüger spielt den jungen Stuckrad-Barre, der sich vom Kleinst-Magazin-Schreiberling zum Musikkritiker und später zum Pop-Literaten hocharbeitet – immer mit großer Geste, aber eigentlich ganz kleinem Hut. Krüger arbeitet das „Panikherz“ des jungen Schreibers heraus, indem er offenbart, dass dieser zunächst erlernen musste, wie das Prinzip „dicke Hose“ überhaupt funktioniert, das Stuckrad-Barre irgendwann den Ruf eines Killer-Kritikers mit arroganter Attitüde einbrachte.

Drastische Darstellung

Stuckrad-Barre, so zeichnet ihn das Stück, ist bereit alles zu geben, um der Größte zu sein. Sex mit der Verlegerin, damit ihr das Buch gefällt, unhaltbare Versprechungen und extremes Abnehmen für Foto-Shootings – immer weiter dreht er sich in eine Spirale aus Partynächten und Drogen, Fressanfällen und Erbrechen, Großprojekten und immer wieder Klinikaufenthalten. Die Darsteller zeigen drastisch, für manch einen Zuschauer sicher zu drastisch, woraus das Leben des einstigen Popstars irgendwann bestand: Koma am Tag, Drogen in der Nacht. Und dazu die Bulimie. Andreas Krüger, Agnes Giese, Karsten Zinser, Katharina Brehl und Jan Reinartz nehmen buchstäblich kein Blatt vor den Mund, um die ekelhaften Szenen abzubilden, die sich auf der Toilette abgespielt haben müssen. Bis zur Schilderung des Gummibärchen-Prinzips „um zu erkennen, wann man fertig ist“, gehen sie ins Detail – und das tonreich.

Dass sie gemeinsam die Rolle des einen spielen, lässt für den Zuschauer nachvollziehbar werden, wie viele Stuckrad-Barres es in dessen Kopf geben muss: das rotzige Kind, das Sensibelchen mit der Mädchenkrankheit, der Draufgänger, das Muttersöhnchen, den Lebemann, den Depressiven, .... Zusammengenomen wollten sie, so arbeitet das Ensemble heraus, einen schaffen: den Größten. Herausgekommen ist ein Wrack.

Helden und Wracks

Eines, das sich immer dann, wenn gar nichts mehr geht, festhält an seinen Helden. Oasis, Radiohead oder Zimbl, Sänger der Punkrock-Band The Bates. Aus Eschwege und trotzdem gut, lässt Stuckrad-Barre seinen Mentor Christoph Reisner über ihn sagen, bevor Stuckrad-Barre die Band zur Abi-Party auf den Schulhof des Max-Planck-Gymnasiums holt. Und tot mit 41. Gestorben am Punkrock, wie er im Stück sagt. Krüger spielt ihn, wie man ihn auf der Bühne erleben konnte: Schamlos auch in Slip und Feinripphemd, rotzig und betrunken.

Der zweitgrößte Held ist Udo. Karsten Zinser imitiert dessen Sprache, Gesang und Bewegung, ohne Lindenberg zu einer Karikatur seiner selbst werden zu lassen. Naja, und dann ist da noch der ganz große Held. Stuckrad-Barre selbst, wenn er nicht gerade kokst oder kotzt. Jan Reinartz lässt ihn erkennen – in der Rückschau – erkennen, welchen Mist er baut. Er spielt den Kritiker, der nicht grundlos niedermacht, sondern den, der dem eigentlichen Problem auf den Grund kommt: Es ist das „Panikherz“, das den Protagonisten zu dem hat werden lassen, was er irgendwann war.

Panikherz“ wird wieder gespielt am 20. und 28. März. Weitere Termine folgen.

Von Nadine Eckermann

21.03.2018
17.03.2018
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