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Regional „Peter Pan“ bei den 60. Gandersheimer Domfestspielen
Nachrichten Kultur Regional „Peter Pan“ bei den 60. Gandersheimer Domfestspielen
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20:00 10.06.2018
Die Geschichte um den sagenhaften Peter Pan, der als einziges Kind niemals erwachsen werden will, ist ein Klassiker. Quelle: r
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Bad Gandersheim

Kein Superhelden-Schlafanzug mehr, keine wilden Geschichten vor dem Einschlafen und kein eigenwilliger Pudel als Kindermädchen? Wendy und John sind schockiert, als Vater George das Erwachsenwerden einläuten will. Nur weil er mit seiner Frau zu einem Geschäftsessen muss, sollen die Kinder gleich ihr Kindsein aufgeben? So einfach geht das nicht, sagen sich die beiden – und lassen sich allzu gern auf das Abenteuer ein, zu dem sie Peter Pan und Glöckchen einladen: eine Reise nach Nimmerland.

Klassiker neu aufgelegt

Die Geschichte um den sagenhaften Peter Pan, der als einziges Kind niemals erwachsen werden will, ist ein Klassiker. Regisseurin Sarah Speiser und Dramaturgin Jennifer Traum holen ihn bei den 60. Domfestspielen in Bad Gandersheim ins Hier und Jetzt: Die Geschichten, die Wendy (Samira Julia Calder) erzählt, handeln von Schneewittchen, Darth Vadorm den Ninja Turtles und Voldemort. Jede Generation im Publikum dürfte also zumindest einmal mit in den Superhelden-Schlafanzug Johns (Jan Rogler) geschlüpft sein, um gebannt mitzuverfolgen, wie die Prinzessin befreit wird. Dass es den Helden gelingt, sie zu retten, steht außer Frage. Ist eben so in der Superhelden-Welt.

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Deshalb überrascht es wenig, dass sich die erwachsenen Gäste der „Peter Pan“-Premiere am Sonntag beinahe ebenso ausschütteten vor Lachen wie die Kinder, wenn der Kroko-Trecker über die mit einfachen Mitteln ausgestattete Bühne holperte – die manchmal an eine Trash-Version der Augsburger Puppenkiste erinnerte, ein Mensch im Pudel-Kostüm auftrat oder ein dusseliger Pirat übers sperrmülltaugliche Piratenschiff taumelte. Klar, das ist platter Humor – und unglaublich unterhaltsam.

Eifersüchtiges Glöckchen im Plastikröcken

Denn die Darsteller lehnten sich nicht entspannt zurück in der Hoffnung, allein die Slapkstick-Einlagen täten ihre Wirkung. Allen voran der schrullige, schmollende, singende und schmachtende Smee (Fehmi Göklüm auch Pudel Nana). Bereits sein erstes – unerkanntes Erscheinen – ließ das Publikum schallend lachen: Im Pudelkostüm robbte er über die Bühne, stellte Felicitas Heyerick in der Rolle der liebevollen Mutter ein Bein und knurrte Vater George an, der ihn in den Keller verbannen wollte.

Das Ensemble in Aktion Quelle: r

Peter Pan (Stephan Luethy) behielt seine kindliche Fröhlichkeit bei, ob er sich – gemeinsam mit den „Verlorenen Jungs“ - an Wendy Abenteuergeschichten aus der Fantasiewelt erfreut, mal wieder seinen Schatten (Ivo Schneider) verliert, sich mit dem herrschsüchtigen, aber ob des Verlusts seiner Hand beleidigten Käpt‘n Hook (Marco Luca Castelli, auch in der Rolle des George zu sehen) duelliert oder Stress mit Glöckchen bekommt. Denn „Naseweis“ ist gar nicht begeistert von Wendys neuer tragender Rolle in Peter Pans Leben. Die Fee im glitzernden Folienkostüm mit grünen Wattehaaren regt sich gar so seht auf, dass sie in eine Schimpftirade verfällt.

Florentine Kühne holt dabei stimmlich alles aus der Figur: Wenn Glöckchen schimpft klingt dass, als würde die Tonband-Aufnahme einer russischen Kreissäge in dreifacher Geschwindigkeit abgespielt. Noch beim Verlassen des Festival-Geländes sind Zuhörer zu vernehmen, die versuchen, das zu imitieren. Großartiger Effekt!

Die zweite wichtige Frau für Peter Pan ist die mutige Tigerlilly (Heyerick), deren Eltern vom bösen Hook umgebracht worden waren. Sie trotzt amazonenhaft allen Angriffen der Piraten und becirct sie mit weiblichen Reizen – bevor sie sie mit gnadenloser Schläue schlägt und schließlich sogar Mitglied der Gang von Peter Pan wird.

Kleines Mädchen, starke Frau

Im Zentrum des Geschehens steht Wendy, gespielt von Samira Julia Calder. Sie bringt den Kern der Geschichte – Erwachsenwerden ist nicht immer nur blöd, sondern bereichert durch Abenteuer und Erlebnisse auch – wunderbar herüber. Sie kann beides: kindliche Verträumtheit, Ehrfurcht vor den Eltern, Wissbegierde und Abenteuerlust rüberbringen, aber auch die zarten Zeichen des Erwachsenwerdens von Schwärmerei bis Vernunft darstellen.

Ihre Rolle bekommt in der Spielfassung, die eigens für die Domfestspiele entstanden ist, ein großes Gewicht – und gleicht all die Albernheiten aus, die das Stück nur unterhaltsam gemacht hätten. Ein großer Spaß für Kinder und Erwachsene, die ein klein wenig Kind bleiben möchten. Dafür empfängt das Team viel Applaus vom Premierenpublikum.

Weitere Vorstellungen am 12., 13., 14. Juni (10 Uhr), 17. Juni (15 Uhr), 19. und 20. Juni (10 Uhr), 24. Juni (15 Uhr), 26. Juni (10 Uhr), 7., 15., 29 Juli (15 Uhr) und 4. August (15 Uhr). Tickets unter anderem online auf www.domfestspiele-gandersheim.de.

Von Nadine Eckermann

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