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Regional Pointen zwischen Koitus und Exitus
Nachrichten Kultur Regional Pointen zwischen Koitus und Exitus
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19:19 12.03.2012
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Göttingen

Im Brotberuf ist Georg Eggers Entwicklungsingenieur in München. Der promovierte Physiker befasst sich mit so komplizierten Dingen wie magnetooptischer Rasternahfeldmikroskopie oder der optischen Lebendfingererkennung. Komisch ist das sicher weniger. Als Ausgleich dazu macht er Gedichte – als Kabarettist und ist daneben sehr aktiv in der Poetry-Slam-Szene.

Gereimtes im Kabarett ist eher die Ausnahme als die Regel. Die Befürchtung, so etwas müsse betulich oder altbacken wirken, liegt nahe. Doch Eggers beweist das Gegenteil. Ausgesprochen frisch sind seine Verse, gewürzt mit bissigen Pointen, deren Schärfe vom Reim nur scheinbar gemindert wird.

Von fern grüßt Heinz Erhardt

Gewisse Ähnlichkeiten mit der Poesie eines Eugen Roth sind hier und da deutlich, von fern grüßt Heinz Erhardt. Doch platte Kalauer sucht man bei Grög, wie Eggers sich als Kabarettist auch nennt, vergeblich. Sein literarisches Kabarett hat er den „Lebensphasen zwischen Koitus und Exitus“ zugeordnet, immer „auf der Suche nach menschlicher Vernunft unter besonderer Würdigung des totalen Scheiterns“.

Politik ist (fast) ausgespart. Stattdessen geht es um pittoreske Tiere wie eine Nebelkrähe, die fremdgeht, um depressive Krokodile oder jene impertinenten Händchenhalter, die im Gedränge des Weihnachtsgeschäfts die Rolltreppen versperren, um den Kalk im Münchner Leitungswasser oder um einen Bücherfreund, der beim Aufbau eines Regals von demselben erschlagen wird, weil er die Aufbauanleitung nicht gelesen hat. In den meisten Fällen haben Grögs Texte ein fatales, nicht selten letales Finale, darin ist der Autor Altmeister Wilhelm Busch verwandt.

Grögs beherrscht nicht nur das Schreiben, sondern auch das Sprechen virtuos. Seine (gereimte) Sammlung von Verwaltungsvorschriften des Münchners Kreisverwaltungsreferats – deren Fehlen in Kabul er als die Ursache der Probleme Afghanistans analysierte – war schon artikulatorisch ein Meisterstück. Und die stimmstarke Inbrunst, mit der er den Ehestreit der Nebelkrähen hörbar machte („Krakri, krakräh, krakri, krakräh“), wird wohl kein Besucher dieses Abends vergessen.

Von Michael Schäfer