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Regional Politik an den Pranger gestellt
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19:37 04.10.2009
Das linke Gewissen der Mittelschicht: Volker Pispers. Quelle: Vetter
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Seine Gäste, die die Göttinger Stadthalle komplett besetzten, lassen sich gern beschimpfen; der heiterste Applaus gilt Pispers’ Tiraden zur „Beschränktheit des deutschen Volkes“. Die Begeisterung hat aber ihren Grund. Denn Pispers hat zwar eine riesengroße Klappe. Bei ihm steckt aber auch ganz viel dahinter.
Denn Pispers ist nicht nur gemein und bösartig, sondern auch hintersinnig, witzig und bestens informiert. Auch bei ihm gibt es kurze, knackige Pointen etwa in Richtung Franz Beckenbauer, die „Schlichtgestalt des deutschen Fußballs“. Seine Spezialität und Stärke sind aber Gesellschaftsanalysen von intelligenter Tiefe. Wo anderen ein kurzer Gag reicht, nutzt er den nur als zierendes Sahnehäubchen – oder die Realität ist selbst absurd genug, um den Saal zum Beben zu bringen.
„Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht zu essen“, zitiert er Franz Müntefering zur Hartz-4-Diskussion. „Der Satz ist so alt, da stand über der SPD-Parteizentrale noch ‚Arbeit macht frei‘.“ Seine Themen sind Ungleichheit, kapitalistische Ausbeutung, Volksverarsche – egal ob durch die Politik, Spitzenmanager („Der Ackermann lebt nicht über seine Verhältnisse. Er hat’s versucht, es geht nicht!“) oder das Volk selbst. „Wann gab es je eine Gesellschaft, die so reich und gleichzeitig so krank war?“, fragt er rhetorisch. Und: „Bei uns jammern immer nur die, die locker noch was abgeben könnten.“

Versöhnliche Töne nach links

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Bei Pispers bleibt oft das Lachen im Halse stecken, denn er jongliert geschickt mit Komik und Tragik; bringt Pointen, die erst nach fünf Sekunden zünden, zeichnet die Situation Deutschlands aber auch in schwärzesten und realistischen Farben. Immer wieder setzt er zu aberwitzigen Rechenbeispielen mit Mindestlohn oder Rentensätzen an, deren Ergebnisse nur eines aussagen: Wir leben in einem ungerechten System. „Betriebswirtschaftlich orientierte Gesellschaftspolitik“ nennt er das in einem der vielen Momente, in denen kein Kabarettist, sondern ein donnernd anprangernder Antikapitalist auf der Bühne steht.
Leider überwiegen diese Momente in der zweiten Hälfte seines Programms. Gut zwei Stunden bekommen alle Parteien ihr Fett weg. Nur eine spart er sich auf: Die Linke. Plötzlich versöhnliche Töne. „Mit denen muss man doch zusammenarbeiten“, fordert er, versteigt sich sogar in eine Relativierung der SED-Vergangenheit: „Die DDR war eine Diktatur, geschenkt. Aber eine Misswirtschaft? Für Hungernde vor Suppenküchen müssen sie in die USA fliegen!“
Hier stößt sein Gerechtigkeitssinn wohl doch an Grenzen: Fünf Minuten Witze über Merkels Mimik und keine einzige Spitzzüngigkeit in Richtung Lafontaine? Das ist eines Kabarettisten auf Pispers’ Niveau nicht würdig, zu offensichtlich ist der politische Auftrag, den er sich selbst erteilt.
So ist er das marxistisch-linke Gewissen – nur wessen? Das der Mittelschicht, die ihm zuhört und, wie er lästert, „das im Hals steckengebliebene Lachen in der Pause mit Champagner runterspült“, „nach Sonntag einiges gut zu machen hat“ und nach dem wohligen Gesellschafts-Grusel wohl beruhigt und unbelehrt nach Hause geht. Mit dem bei Pispers gekauften Ablass in der Hand.

Von Helge Dickau

Peter Krüger-Lenz 07.11.2013