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Regional Politisches Kabarett mit einem bissigen Volker Pispers
Nachrichten Kultur Regional Politisches Kabarett mit einem bissigen Volker Pispers
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19:08 18.09.2011
Bis neulich: Volker Pispers analysiert in der Göttinger Stadthalle die Lage der Nation. Quelle: Pförtner
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Mit rabenschwarzem Humor, deftiger Sprache und eigenen Prognosen, skizzierte er dabei Momentaufnahmen der Bundesrepublik, wobei man nicht wusste, ob man darüber nun lachen oder weinen sollte. Kein mediales Brennthema des vergangenen Jahres blieb dabei ausgespart, und so arbeitete sich Pispers von prekären Arbeitsverhältnissen und Arbeitslosigkeit („Es gibt Arbeiter, Leiharbeiter und Von-der-Ley(en)-Arbeiter“) zu „Berufsgruppen, die diese Welt nicht braucht“ und bedachte dabei Juristen, BWLer und Investmentbanker mit bissigem Humor: „Sie vermehren sich wie Karnickel und richten dementsprechenden Schaden an“.

Von Westerwelle, „der Freiheitsstatue der Republik“ und dem „Generationenwechsel an der FDP-Spitze“ („Nach den Oberstufensprechern sind sie jetzt bei den Unterstufensprechern angelangt“), kam Pispers auch auf die Beliebtheit des ehemaligen Verteidigungsministers zu Guttenberg zu sprechen: „Guttenberg konnte abschreiben, was er wollte und wurde noch beliebter“. Von Thilo Sarrazin, der sich mit der Verbreitung fragwürdiger Klischees zum „Deppen der Sozen“ stempelte, kam Pispers zu Bundeskanzlerin Angela Merkel, der er „enorme Flexibilität“ attestierte: „Sie agiert nicht gerne, sie reagiert ja nur, sie ist ein Reaktor, aber kein Schneller Brüter“, er spielte damit auf Merkels Kurswechsel in der Atomenergiedebatte an.

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Von den Reformplänen von Ex-Gesundheitsminister Philipp Rösler, dem „Zäpfchen der Pharmaindustrie“ schwenkte Pispers schließlich auf den Bundesbürger als Steuerzahler und Arbeitnehmer, wobei er diesem unterstellte, zu wenig Kampfbereitschaft zur Verbesserung seiner Situation zu zeigen: „In Ägypten brachten zwei Millionen Demonstranten eine Diktatur zu Fall, kaum auszudenken, was in Deutschland los wäre, wenn alle arbeitslosen oder prekär bezahlten Menschen auf die Straße gingen“, sinnierte er.

Von den Prognosen des Instituts für Wirtschaftsforschung, die Pispers als „akademisches Kaffeesatzlesen“ bezeichnete, kam er auf den „Siegeszug des Kapitalismus“ zu sprechen, der nur durch ein ständiges Anwachsen des Schuldenbergs und das Ausbeuten von Menschen möglich sei („Es hat schon immer Ein- Euro-Jobber in Deutschland gegeben, nur früher hat man sie wegen der Mauer nicht sehen müssen“).

Was an diesem Abend übrig blieb, war eine düstere Vorahnung: Es wird sich wenig ändern. Vor drei Jahrzehnten waren auch schon Gesundheits- Renten- und Steuerreformen auf der politischen Agenda und Umweltschutz und Arbeitslosigkeit Themen, die die Gesellschaft gespalten haben. Obgleich zahlreiche Dinge, aufgrund ihrer Skurrilität grotesk und witzig waren, stimmte das Gros der angesprochenen Themen doch sehr nachdenklich, was Pispers Programm weniger als Kabarett denn als satirische, bundesdeutsche Charakterstudie wirken ließ.

Von Karoline Jirikowski-Winter