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Regional Porträt: Mike H. Ideker, der „Lonesome Nighthawk“
Nachrichten Kultur Regional Porträt: Mike H. Ideker, der „Lonesome Nighthawk“
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00:17 18.10.2013
Von Nadine Eckermann
Nur echt mit Sonne: Ideker im Shirt des Labels „Sun Records“. Quelle: Theodoro da Silva
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Göttingen

Mit über der Brust verschränkten Armen blickt der „Lonesome Nighthawk" auf den Plattenspieler. Den Kopf in Schräglage gebracht, ruht sein Blick auf dem sich gleichmäßig drehenden Schellack. In einer Hand glimmt eine selbstgedrehte Zigarette, an der er in ebenso gleichmäßigen Abständen zieht.

In der anderen Hand baumelt eine kleine Lesebrille. Als die Musik verklingt, legt er die Brille weg, drückt die Zigarette aus und nimmt die Platte vom Teller. Danach verstaut sie auf einem Stapel nahezu identisch aussehender, gelb-orangefarbener Pappen. Sie enthalten den Blues. Wieder sind die Zuhörer im Vinylreservat ihm zwei Minuten näher gekommen.

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Der „Lonesome Nighthawk" bringt den Blues nach Göttingen. In einer monatlichen Vortragsreihe im Plattenladen Vinylreservat am Papendiek stellt Mike H. Ideker, so der bürgerliche Name des „Lonesome Nighthawks", Schellackplatten vor, zum Teil gesuchte Raritäten.

Chronologisch vorsortiert in der Abfolge eines strukturierten Vortrags zu einem bestimmten Thema liegen die zu Beginn des Abends auf einem Stapel vor ihm. Nach eineinhalb Stunden sind die ausgewählten Stücke gehört – und der Zuhörer, egal ob Blueskenner oder absoluter Laie, ein Stück schlauer.

Der Schellackplattenstapel sieht nach stundenlanger Vorbereitung aus, nach Blättern in Büchern, Wühlen im Regal und Hadern um die richtigen Worte. Für Ideker ist es kein Akt: „Die meisten Themen habe ich auf Abruf parat", sagt der Bluesforscher, der auch in anderen Städten zum Thema Blues spricht. Und auch die Musikauswahl kann er routiniert vornehmen: Große Namen stellt er ebenso vor wie unbekannte Musiker. „Diese unbesungenen Helden des Blues liefern zum Teil Material, das Bekanntestes qualitativ noch in den Schatten stellt", begründet er.

Bei der Auswahl der Stücke scheint es, als wolle Ideker so etwas wie das Destillat eines Blues-Themas herausarbeiten, die Seele der Musik herauskitzeln. In seinen Vorträgen stellt er den großen Zusammenhang her: „Blues ist eine Kulturform des afro-amerikanischen Proletariats und Subproletariats.

Eine authentische Musikform

Blues ist eine authentische Musikform, weil sie alle Situationen des alltäglichen Lebens behandelt. Die ganze Bandbreite von Ausbeutung, Unterdrückung, Alkohol, Lebensfreude, Gewalt, Liebe, Sex und so weiter. Aber Blues ist auch ein Lament. Er klagt Missstände an, aber er liefert keine Lösungen." Diese Definition steht über allem, was die Zuhörer in den eineinhalb Stunden eines jeden Vortrags erfahren.

Die musikalischen Parameter, die den Blues ausmachen, spielten zwar eine Rolle. Für sich genommen aber könnten sie nicht funktionieren: „Jemand könnte mit absoluter technischer Perfektion diese Musik spielen, ohne dass es Blues wäre. Weil ein ganz entscheidender Punkt das Feeling für diese Musik ist."

Das Feeling für die Musik scheint auch Ideker selbst mitzubringen. Zwar lässt er sich selten zu einer emotionalen Äußerung hinreißen, doch anders als mit Leidenschaft lässt sich wohl kaum erklären, dass der Einbecker Monat für Monat mitsamt seinen Schellack-Platten nach Göttingen kommt.

Denn während der Veranstaltung geht lediglich ein Hut rum. Wenn es gut läuft, sitzen im Plattenladen zehn bis fünfzehn Zuhörer gemütlich auf Gartenstühlen und hören zu. Jeder zahlt, was ihm gefällt. Reich wird man davon nicht. Aber das ist auch nicht Idekers Ziel: „Es geht doch um viel mehr als pekuniäre Dinge.

Dinge nicht kritiklos konsumieren

Es ist ein Kampf um den Erhalt eines Stückes Weltkulturerbe, das unwiederbringlich verschwindet, wenn wir uns nicht dafür engagieren." Diejenigen, die mit Blues Geld verdienten, seien oftmals diejenigen, die das Etikett „Blues" auf „fünftklassigen Hardrock" klebten, empört er sich. „Dieses Version von Blues ist eine Perversion von Blues."

Klare Worte eines Mannes, der sich im Laufe von Jahrzehnten ein immenses Wissen angeeignet hat, über die Musik, ihre Interpreten und die Hintergründe. Seit 1974 saugt Ideker auf, was er über den Blues finden kann: in Fachbüchern und Magazinartikeln ebenso wie in Beschreibungstexten auf Tonträgern.

Und er hinterfragt, was er liest: „Ich habe es absolut verinnerlicht, Dinge nicht kritiklos zu konsumieren, sondern analytisch die historischen und soziologischen Gegebenheiten dahinter zu betrachten", begründet er.

Teil seiner Recherche seien Reisen an die Schauplätze des Blues gewesen sowie Gespräche mit Musikern, Sammlern und Forschern. Vorbilder seien für ihn unter anderem der verstorbene Mike Leadbitter, „Living Blues"-Herausgeber Jim O‘Neil, Paul Oliver und Paul Garon: „Sie haben nicht nur Meilenstein-Arbeit geleistet, sondern auch immer eine klare Position gegen den Rassismus und die Aneignung und Verwässerung afro-amerikanischer Kultur durch Weiße bezogen", erklärt Ideker.

Damit widersprächen sie einem Trend, der sich in der Blues-Forschung vermehrt breit mache: Der zwanghaften Suche nach Beispielen gegen die Rassentrennung – Auftritten schwarzer Musiker vor weißem Publikum zur Zeit der Rassentrennung in den USA beispielsweise.

Pure Identifikation

Solche Marginalien in der Geschichte des Blues in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken, hält Ideker für falsch: „Wer solche Dinge zu wichtigen Fakten hochstilisieren will, der sucht nach Legitimationen für das, was Weiße den Afro-Amerikanern angetan haben – und begründet eine neue Form des Rassismus."

Ideker spricht vom Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, von dem er glaubt, es sei in keiner anderen Musikrichtung so weit verbreitet wie im Blues: Weiße eigneten sich eine schwarze Kulturform an, begründeten dies durch einen „Rettungsversuch" – und heraus kämen „krankhafte Hard-Rock-Idiosynkrasien".

Im Gegensatz zu solchen „Crossover"-Varianten misst Ideker dem originalen Blues wie auch dem Jazz eine hohe Bedeutung in der Kultur der Afro-Amerikaner zu, „quasi ihre Identität bis zum Ende der fünfziger Jahre": „Von den Field Hollers, Work Songs, dem Blues in den Honky Tonks des tiefen Süden, Big City Blues in den dreißiger Jahren – alles pure Identifikation mit dem eigenen schwarzen Alltag", meint er.

Insofern spielen weiße Musiker in seinen Vorträgen nur selten eine Rolle. Und wenn doch, dann diejenigen, die auf Schellack veröffentlicht haben und deren gesellschaftliches Umfeld dem der afro-amerikanischen Musiker ähnelt. Das wichtigste Kriterium allerdings sei wiederum das „Feeling", so Ideker. Die Emotionen authentisch zu transportieren, gelänge nur einer Handvoll weißer Musiker, so Ideker.

Vitale Bluesszene

Johnny Otis sei ein Musiker, der alle Kriterien erfülle, oder auch Bobby Charles. Von ihm hätte man zu Beginn seiner Karriere nicht einmal gewusst, dass er weiß sei, erklärt Ideker – und fügt gleich noch ein Stück Blueswissen hinzu: „Von ihm stammt das Original eines späteren RocknRoll-Welthits: ,See You Later Alligator’".

Während die fünfziger Jahre durch die urbane, elektrifizierte Form des Blues geprägt gewesen seien, hätten sich in den Sechzigern zwei Entwicklungsstränge ausgeprägt. Auf der einen Seite der Soul und Blues, der auch das weiße Publikum, zunächst in den USA, dann weltweit, erreicht.

Auf der anderen die Bluesszene, die unter sich bleibt. „Bis zum heutigen Tag gibt es in Städten wie Chicago eine vitale Bluesszene, in der schwarze Musiker für schwarze Menschen in schwarzen Clubs spielen." Marquise Knox sei ein solcher Musiker, „ein supertalentierter, blutjunger Bluesman." Solche Musiker seien allerdings heute die Ausnahme, glaubt Ideker.

Eine Erklärung für den Bedeutungsverlust des Blues sei im mangelnden Geschichtsbewusstsein der jungen Generation schwarzer US-Amerikaner zu suchen: „So schlimm auch die Erinnerung an die Sklavenzeit und die Jim-Crow-Ära ist, so sehr würde die Auseinandersetzung damit schwarzes Bewusstsein wieder zu Tage fördern."

Vielzahl von Instrumentalistinnen

Wer dabei an eine männlich dominierte Szene denkt, liegt falsch, erklärt Ideker: „Frauen haben in jeder Phase des Blues eine Rolle gespielt. Allein in der Anfangszeit von Bluesaufnahmen am Anfang der zwanziger Jahre waren 80 Prozent der Tonträger von Sängerinnen", sagt er und verweist auf Namen wie Ma Rainey oder Bessie Smith. „Sogar die erste Bluesaufnahme aller Zeiten, „Crazy Blues" aus dem August 1920, stammt von einer Frau."

Neben den Sängerinnen habe sich auch eine Vielzahl von Instrumentalistinnen einen Namen gemacht, unter anderem als Pianistinnen oder – wie im Fall von – Memphis Minnie an der Gitarre. Über sie habe Big Bill Broonzy einmal gesagt, sie konnte „spielen wie ein Mann". Ein großes Lob.

Zitate wie dieses hat Ideker reihenweise auf Lager. Eine Folge der persönlichen Kontakte zu den Musikern, die er erforscht. In besonderer Erinnerung seien ihm die Begegnungen mit Doctor Ross, Big Joe Duskin, Carey Bell, Sylvia Embry und Little Mac Simmons geblieben.

Viele Klischees stimmen

Mit Champion Jack Dupree verband ihn zudem eine enge Verbindung, nicht nur, weil Dupree die letzten Jahre seines Lebens in Idekers Heimatstadt Hannover verbrachte. „Ich habe mit Dupree studenlange Gespräche geführt, meist ohne tieferen Sinn", erinnert sich Ideker schmunzelnd. „Er war ein Münchhausen vor dem Herren und hat unglaubliche Dinge über sein Leben erzählt, obwohl jedem klar war, es war Fiktion."

Die Reihe der Musiker, die Ideker kennenlernen durfte, ist lang. Ähnlich lang wie die Liste der Klischees über den Blues. „Viele davon stimmen. Von Saufexzessen über sexuell maßlose Selbstüberschätzung hin zu Gewaltverherrlichung und Eifersucht", bestätigt Ideker – und relativiert sogleich: „Blues ist genauso mit Themen wie tiefer Liebe, aktuellen politischen Ereignissen und witzigen Begebenheiten gefüllt."

Witz? Im Blues, der doch schon seiner Wortbedeutung nach etwas Trauriges sein müsste? Ja. Denn es gelingt Ideker in seinen Vorträgen, die manchmal getragenen Stücke aufzufangen durch witzige und geistreiche Erklärungen und Anekdoten am Rande. Wieder ein Klischee bestätigt und widerlegt zugleich. Wie im echten Leben. Und wie im Blues.

Vortragsreihe im Vinylreservat

An jedem dritten Donnerstag im Monat spricht der „Lonesome Nighthawk“ um 19 Uhr im Göttinger Plattenladen Vinylreservat, Papendiek. Folgende Themen stehen auf dem Programm:

  • 17. Oktober: Sexuelle Metaphorik im Blues
  • 21. November: Detroit Blues
  • 19. Dezember: X-mas Blues

Zusatztermin am 27. Oktober: „Blues had a Baby and they call it Rock‘n‘Roll.“