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19:29 26.10.2019
Christoph Hein, Moderatorin Katrin Seibold, Szczepan Twardoch und Übersetzer Olaf Kühl (v.l.). Quelle: Richter
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Göttingen

Beide haben sie im Juni 2019 in Thorn den Samuel-Bogumil-Linde-Preis bekommen. Und nun saßen sie gemeinsam im Alten Rathaus in Göttingen, um im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes aus ihren neuesten Werken zu lesen: Szczepan Twardoch und Christoph Hein.

Doch es wurde nicht nur gelesen, denn die Veranstalter würdigten die beiden Literaten für ihre Auszeichnung entsprechend – in einem sehr lockeren Rahmen. „Wenn Sie nach dem Diplomaten im Raum suchen, dann suchen Sie nach dem Mann mit der Krawatte“, begrüßte Vito Cecere, der Beauftragte für Außenwissenschafts-, Bildungs- und Forschungspolitik und Auswärtige Kulturpolitik im Auswärtigen Amt die vielen Besucher, die das Rathaus fast bis auf den letzten Platz füllten. „Lesen zwingt uns zur Anteilnahme. Für das Auswärtige Amt ist es sehr wichtig, die Literatur zu fördern. Und der Samuel-Bogumil-Linde-Preis ist ein Glanzpunkt zwischen der Städtepartnerschaft zwischen Göttingen und Toruń“, verdeutlichte er.

Partnerschaft wird gelebt

„Es ist keine Partnerschaft auf dem Papier, sondern sie wird gelebt. Aus einer Partnerschaft ist eine Freundschaft geworden“, unterstrich auch Göttingens Dezernentin für Soziales und Kultur, Petra Broistedt.

Sehr aufmerksam hatten die beiden Autoren den Worten gelauscht, jeder schien seinen eigenen Gedanken zu diesem Thema nachzuhängen. Beide beobachteten dabei sehr aufmerksam das Umfeld. Und das Umfeld beobachtete sie.

Ganz still wurde es, als Szczepan Twardoch aus seinem neuesten Werk „Wale und Nachtfalter“ zu lesen begann, in seiner Muttersprache. Mit seiner warmen, angenehmen Stimme nahm er alle Zuhörer mit, auch die nicht polnisch sprechenden. An seiner Seite saß mit Olaf Kühl der Mann, der alle seine Bücher übersetzt hatte und anschließend verschiedene Buchpassagen vortrug. Für den Roman „Drach“ wurden Twardoch und Kühl 2016 mit dem Brücke Berlin Preis geehrt.

Persönliche Erlebnisse

„Wale und Nachtfalter“ ist ein Tagebuch vom Leben und Reisen. Twardoch schreibt darin von einem löchrigen Selbst, von einem durchlöcherten Hirn. Von einer kleinen Hölle, die er erst selber erfahren muss, ehe er den Leser dort hineinzieht. Auch sehr persönliche Erlebnisse finden sich darin. Wie Begegnungen mit seinem Großvater, der das Tor nicht öffnet, weil er „La Traviata“ hört, seinen Enkel so gar nicht versteht, weil dieser eigentlich ein leichtes, aber kompliziertes Leben hat, während sein eigenes schwer, aber einfach war.

Christoph Hein, 1944 in Heinzendorf/Schlesien geboren, hat sein Buch „Gegen-Lauschangriff“ mit Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege untertitelt. „Es sind heitere, komische, böse und bitterböse Geschichten“, erläuterte er dem Publikum. Dabei verarbeitet er unter anderem auch persönliche Erlebnisse. Er versteht es, mit seiner Lesung die Zuhörer mitzunehmen, sie zum Schmunzeln, an manchen Stellen sogar zum Lachen zu bringen. Wie beispielsweise mit seiner Anekdote, die den Namen „Nach Moskau, nach Moskau“ trägt. In der Aufführung der „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow träumen Olga, Mascha und Irina von einer Reise nach Moskau. Im „wirklichen Leben“ wünschen sie sich aber nichts sehnlichster als einen Aufenthalt in Paris. Als sich dieser Traum erfüllt, ist ihre Bühnenpräsenz anschließend umso größer, als sie mit Inbrunst seufzen „Nach Moskau, nach Moskau“.

Verbindungen

Im anschließenden Gespräch versucht Moderatorin Katrin Seibold, die als Reporterin und Autorin für die Redaktion von „Kulturzeit“ tätig ist, den beiden Autoren zu entlocken, was sie als Schlesier verbindet. „Ich bin Schlesier, damit kann ich gut leben“, sagt Twardoch. Seit über 400 Jahren würde seine Familie dort leben, in einem Umkreis von zehn Kilometern. „Erst als Erwachsener wurde mir klar, dass das etwas sehr Ungewöhnliches ist“, erklärte er. Twardoch lebt mit seiner Familie in Pilchowice/Schlesien.

Schlesier Hein, der in Bad Düben bei Leipzig aufgewachsen ist, lebt inzwischen in Berlin. Er verweist mit einem breiten Lächeln im Gesicht auf die herausragenden Literaten, die aus Schlesien stammen.

Zwei Preisträger im Alten Rathaus

Samuel-Bogumil-Linde-Preis für Hein und Twardoch

Christoph Hein ist 1944 in Schlesien geboren. Er gilt als einer der wichtigsten Chronisten der deutsch-deutschen Verhältnisse. In seinem neuesten Werk „Gegen-Lauschangriff“ (erschienen 2019 im Suhrkamp Verlag) hat der 75-Jährige seine ganz persönlichen Erlebnisse verarbeitet. Szczepan Twardoch ist 1979 in Schlesien geboren. In seinem ebenfalls in diesem Jahr im Rowohlt Verlag erschienen Buch „Wale und Nachtfalter“ beschäftigt er sich wie beiläufig mit den großen Fragen des Lebens. Für ihre Verdienste in der deutsch-polnischen Verständigung erhielten beide Autoren 2019 den Samuel-Bogumil-Linde-Preis der Städte Göttingen und Thorn. Dabei handelt es sich um einen Literaturpreis, der von beiden Städten 1996 gestiftet wurde. Er ist benannt nach dem polnischen Sprachforscher Samuel Bogumil Linde und zeichnet jährlich deutsche und polnische Schriftsteller oder Geisteswissenschaftler aus, die sich um „Verständigung, Versöhnung und freundschaftliche Zuwendung zum jeweiligen Nachbarn“ verdient gemacht haben.

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