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Regional Göttinger Macbeth in wallendem Rot
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20:15 14.04.2019
Die böse Tat gebiert die nächste böse Tat. Szene aus der Göttinger Inszenierung des Macbeth. Quelle: R
Göttingen

Wo ist denn das Bühnenbild? Minuten vor Beginn der Aufführung von Macbeth blickt der Zuschauer in die gähnende Leere der nackten, anthrazit gehaltenen Bühnenarchitektur des Deutschen Theaters Göttingen. Da ist nichts, nur rotes Tuch bedeckt im hinteren Bereich den Bühnenboden. Der geneigte Shakespeare-Freund weiß um den Beginn des Stücks und harrt auf den exaltierten Auftritt der drei Hexen. Müssen sie zwangsläufig weiblich sein? Nein. Drei Kerle machen es auch. Und die machen es gut. Mit dem Hinzukommen der Protagonisten Macbeth und Banquo gerät das Treffen von hiesiger und Anderswelt zu einem bizarren, homoerotischen Kampftanz. Das ist eigenartig. Das ist packend. Vulgär freilich auch. Und es ist zugleich die Einstimmung auf eine Inszenierung, die gespickt ist mit komödiantischen, zuweilen abstrusen Einlagen. Tragödie und Klamauk werden sich im Laufe des Stücks ebenso miteinander drehen wie die Figuren umeinander.

Viel Tucharbeit

Überhaupt wirkt die gesamte Aufführung wie ein Knäuel, beeindruckend untermalt mit dem überdimensionalen roten Stoff, der sich immer wieder und mehr und mehr aufbläht, Wellen aus Rot, Wogen aus Blut begleiten den Strudel ins Verderben, ins Grauen, in das Nichtzurückkönnen hinter die böse Tat. Viel Tucharbeit wird da bewältigt von den Schauspielern. So entstehen Bilder von beklemmender Wirkung. Sie sind so gezielt arrangiert, dass der Betrachter das Schauspiel immer wieder anhalten könnte und es würde sich stets ein perfekter Bildaufbau bieten. Das Ensemble mit Gabriel von Berlepsch, Florian Donath, Daniel Mühe, Volker Muthmann, Christoph Türkay und Judith Strößenreuter zeigt eine großartige Leistung, da fällt niemand ab. Hohes Niveau. Strößenreuter fügt der Riege aller bisherigen Darstellerinnen der Lady Macbeth aller Zeiten und Bühnen eine besonders eigenwillige, exzentrische Verkörperung hinzu. Volker Muthmann als Macbeth steht diesem Spiel in nichts nach.

Zuweilen eine Grenzerreichung

Derbe Sprache und Auftritte voll Ruppigkeit gehören zu Elementen, mit denen William Shakespeare seine Werke zum Teil versehen hat. Das Original gibt diese Aspekte her. Seit Aufkommen des Regietheaters in den 1970er Jahren wird diese Schiene freilich nur all‘ zu gern bedient. Offenbar ist insbesondere Macbeth ein von Regisseuren freudig aufgegriffener Stoff, um ihm einen individuellen Stempel aufzudrücken. Der Autor kann sich nicht mehr wehren. Da wird auseinandergepflückt und neu zusammengesetzt. Zuweilen sind diese Aufführungen nur für den erträglich, der sie szenisch verantwortet. All‘ zu viele Grenzverletzungen des als allgemein gültig zu betrachtenden Geschmacks sind im Laufe der vergangenen Jahrzehnte bei der Inszenierung klassischer Stücke beklagt worden. Die Göttinger Macbeth Inszenierung ist an mancher Stelle eine Grenzerreichung. Nichts gegen Freikörperkultur, doch ist das Zeigen von Geschlechtsteilen immer noch eine Intimität, die nicht unbedingt eines Publikums bedarf. Wozu also der ausgedehnte Nackttanz eines Mannes dienen soll, ist nicht ganz klar. Er könnte vor allem für den betreffenden Schauspieler ein Stück weit entwürdigend sein, wenngleich er dabei eine gute Figur macht.

Ein sehenswertes Spektakel

Die Tragödie des Macbeth gehört vielleicht zu den kreidebleichsten, düstersten, wohl auch fatalistischsten Werken des unübertroffenen Meisters aus Stratford upon Avon. Da sind keine Farben, von Anfang an fehlen sie. Schwarzweiß dominiert, in der Göttinger Aufführung kommt immerhin eine Art von Sepiafarbe als Variation hinzu. Das Ganze ist ein Spektakel. Zweifelsohne sehenswert. Es trägt die Handschrift von Christoph Mehler, der Regie führt und von Jennifer Hörr, die für Bühne und Kostüm verantwortlich ist. Untermalt wird die Inszenierung mit Musik von David Rimsky-Korsakow (nicht zu verwechseln mit dem russischen Komponisten Nikolai Rimski-Korsakow). Die nächsten Macbeth-Aufführungen werden am 17. und 26. April, am 3. Mai und 3. Juni gegeben. Tickets beim Deutschen Theater, Theaterplatz 11, in Göttingen unter Telefon 0551/4969300.

Von Ulrich Meinhard

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