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Regional Premiere für Musical „Spring Awakening“
Nachrichten Kultur Regional Premiere für Musical „Spring Awakening“
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00:25 06.06.2018
„Spring Awakening hatte am 2. Juni Premiere am Deutschen Theater in Göttingen.
„Spring Awakening hatte am 2. Juni Premiere am Deutschen Theater in Göttingen. Quelle: Winarsch
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Göttingen

Heutzutage bieten sexuelle Themen auf der Bühne kaum noch Anlass zur Empörung. Doch auch wenn Jungen und Mädchen heute kaum noch das Märchen vom Klapperstorch hören müssen und schon frühzeitig über die Möglichkeiten der Verhütung aufgeklärt werden, ist die Pubertät weiterhin eine schwierige Entwicklungsphase. Insofern ist „Spring Awakening“ heute so aktuell wie „Frühlings Erwachen“ vor 112 Jahren. In dieser Spielzeit stand oder steht das Stück in Hildesheim, Münster, Braunschweig, Bielefeld und Halle auf dem Spielplan, um einige deutsche Beispiele zu nennen. „Spring Awakening“ hat also Konjunktur.

Im Taumel der erwachenden Lust

Die Geschichte: Elf Jugendliche haben Probleme mit der Sexualität. Wendla will von ihrer Mutter wissen, wieso ihre Schwester ein Kind bekommen hat – eine schwammige Geschichte von einer „besonderen“ Liebe ist die ausweichende Antwort. Melchior weiß schon eine ganze Menge über das andere Geschlecht. Moritz möchte dies auch gern erfahren und bittet Melchior, ihm das alles aufzuschreiben und ihm die Geschichte in den Schulranzen zu stecken. Wendla trifft Melchior im Wald. Sie bittet ihn, sie zu schlagen. Er tut es widerwillig, ist verzweifelt. Beim zweiten Treffen schwinden die Hemmungen im Taumel der erwachenden Lust. Moritz wird von der Schule verwiesen und nimmt sich das Leben. Als Wendlas Mutter die Schwangerschaft ihre Tochter bemerkt, sorgt sie für eine Abtreibung, an deren Folgen Wendla stirbt. Melchiors Eltern schicken ihren Sohn in eine Besserungsanstalt. Eine „Kindertragödie“ hat Wedekind sein Stück genannt.

Szenenfotos aus „Spring Awakening“ Quelle: Winarsch

All dies ist nicht gerade einfach auf die Bühne zu bringen – und daraus ein Musical mit dem Genre-üblichen Unterhaltungswert zu formen, macht die Sache noch schwieriger. Doch das gelingt Regisseur Niklas Richter. Alexander Wolf hat ihm dafür eine phantastische Bühne mit Innenraum und grünem Wald, vielen bunten Projektionen und reichlich Nebeleinsatz gebaut, umgeben von einem geborstenen goldenen Bilderrahmen. Ein breiter Laufsteg mitten durch den Zuschauerraum sorgt für Nähe zum Publikum.

Richter arbeitet häufig mit comicartigen Überzeichnungen vor allem der erwachsenen Figuren, denen er Masken aufsetzt. So sind Schuldirektor Knochenbruch und Lehrerin Knüppeldick (eine magere Verwandte von Direktorin Knüppelkuh aus „Matilda“) ein perfektes Witzblatt-Duo. In diese Comic-Gruppe gehören auch die großbusige Klavierlehrerin, der schweinsgesichtige Doktor und das hüpffrohe Teletubbies-Quartett beim gemeinsamen Wettspritzen.

Kleine komische Brüche

Die Jugendlichen dagegen leben, leiden und sterben wesentlich echter, wobei an Stellen, die ins Sentimentale abrutschen können, kleine komische Brüche Abhilfe schaffen. Moritz Schulze ist auch im Umgang mit Erwachsenen ein sehr selbstbewusster, starker Melchior. Unter welchen Ängsten und Zwängen dagegen Moritz leidet, ist schon der Körpersprache von Roman Majewski anzusehen. Anrührend kindlich-naiv spielt Dorothée Neff die Rolle der Wendla.

Leicht schaudern lassen den Zuschauer die beinahe unbekümmert erzählten Berichte Marthas (überzeugend: Gaia Vogel), wie sie täglich von ihrem Vater geschlagen wird. Souverän: Katharina Müller als Ilse. Die weiteren kleineren Rollen sind durchweg angemessen besetzt. Einzig beim homosexuellen Coming-Out von Hänschen (Benedikt Kauff) und Ernst (Benjamin Kempf) wird es etwas flach und kitschig.

Szenenfotos aus „Spring Awakening“ Quelle: Winarsch

Und die Musik von Sheik? Die ist anders gestrickt als die Ohrwurm-Stücke von Webber, sie ist intellektueller, mit vielen schönen, leisen Balladen durchsetzt, die fast kammermusikalisch instrumentiert sind. Nur hier und da – dann umso wirkungsvoller – geht ein echtes Rockspektakel los, aus dem sich stimmlich vor allem Moritz Schulze hervorhebt. Auch sonst gibt es im Ensemble durchaus vokale Begabungen.

Für die dynamische Vielfalt sorgt der musikalische Leiter Michael Frei mit seiner achtköpfigen Band. Schade nur, dass die Verstärkung manchmal der Sprachverständlichkeit schadet. Schade auch, dass der Spannungsbogen jedenfalls in der Premiere nicht immer durchgehalten war: Genau zur Pause nach dem ersten Akt war für einen Moment die Luft raus. Aber am Ende gab es lang anhaltenden Premierenapplaus samt lautstark geforderter (und gewährter) Zugabe.

Weitere Termine

Bis zum 29. Juni ist „Spring Awakening“ im DT, Theaterplatz 11, zu sehen: 6., 7., 8., 9., Juni um 19.45 Uhr, 10. Juni um 15 Uhr, 12. Juni um 19.45 Uhr, 13. Juni um 20.30 Uhr, 15. und 16. Juni um 19.45 Uhr, 17. Juni um 17 Uhr, 18. Juni um 19.45 Uhr, 19. Juni um 11 Uhr, 20. Juni um 10 und um 19.45 Uhr, 22., 26. und 29. Juni jeweils um 19.45 Uhr. Karten online unter gt-tickets.de.

Von Michael Schäfer