Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Premiere im JT: „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“
Nachrichten Kultur Regional Premiere im JT: „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:10 02.12.2019
Geben der Aufführung mit starken Momenten die Wuerze: Die Großeltern (Agnes Giese und Jan Reinartz) im Gespraech mit Josse (Andreas Krüger) Quelle: Dorothea Heise
Anzeige
Göttingen

Das Werther-Zitat „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” ist eine präzise Zustandsbeschreibung einer jugendlichen Orientierungslosigkeit. Unter der Regie von Sebastian Wirnitzer, der auch die Ausstattung übernahm, spielt erneut ausdrucksstark Andreas Krüger die Hauptrolle des Joachim, kurz Josse genannt.

Dreigeteilte Bühne

Die Bühne ist dreigeteilt. Auf der linken Seite ist das Wohnzimmer der Großeltern. Im Zentrum befindet sich die Bühne des Lebens wie auch die der Schauspielerei, auf der rechten Seite haben die Schauspielschüler ihre Garderobe. Wuchtig führen sich die einzelnen Charaktere ein.

Kurz vor Antritt seines Zivildienstes bekommt Josse überraschend einen Platz auf der Schauspielschule in München, wo er jedoch noch ein Probecasting bestehen muss. Die damit verbundenen Übungen, angeleitet von der herrlich forschen Mentorin Gretchen Kinski in Person von Agnes Giese, wirken allerdings gleich zu Beginn etwas überzogen albern in ihrer Darbietung.

Probleme in der Schule

Josse kommt bei seinen in der Nähe wohnenden Großeltern unter. Diesen schildert er fortan abends seine Probleme in der Schule. Seine Großmutter, ebenfalls dargestellt von der schlicht großartigen und in allen Rollen sehr wandlungsfähigen Agnes Giese, ist eine schillernde Person und ehemalige Schauspielerin. Der Großvater in Person von Jan Reinartz, der auch noch den Direktor der Schauspielschule mimt, kommt als emeritierter Professor der Philosophie elegant, belesen und belehrend in seiner Erscheinung daher. Sie führen ein Leben mit festen Ritualen, bei denen Alkohol eine nicht unwesentliche Rolle spielt, wenn sie dann oft abends wie „volltrunkene alte Engel davonschweben“, wie Josse bemerkt.

Über den Autor

Joachim Meyerhoff, geboren 1967 in Homburg/Saar, aufgewachsen in Schleswig, mittlerweile vom Wiener Burgtheater zur Berliner Schaubühne gewechselt, feierte in der jüngeren Vergangenheit große Erfolge als Autor. „Alle Toten fliegen hoch“, heißt seine Romanreihe, alle vier Teile sind Bestseller. Er wurde mit einigen namhaften Literaturpreisen ausgezeichnet. Im Mai 2017 wurde Meyerhoff in der Sektion Darstellende Kunst in die Akademie der Künste aufgenommen und von der Fachzeitschrift „Theater heute“ im September zum Schauspieler des Jahres 2017 gewählt. Im November desselben Jahres gewann er auch den Nestroy-Theaterpreis als Bester Schauspieler für „Die Welt im Rücken“.

Diese Seite hat sehr starke Momente, während die Widrigkeiten, die Josse tagsüber mit aller Härte bei der Schauspielausbildung erfährt, oftmals klamaukig, überzogen rüberkommen. Nur einige Momente sind brüllend komisch, wenn die drei Schauspielschüler zum Beispiel jeweils ein Tier in Verbindung mit einem Literaten darstellen sollen. So brilliert vor allem Jens Tramsen als Schüler Gernot mit großartiger Mimik, indem er Franz Kafka mit einer Eule verbindet. Die dritte Schülerin Regina wird von Natalie Nowak gespielt.

Josse als lebendes Theaterarchiv

Insbesondere die Szene mit Agnes Giese als Lehrerin Marthe von Ohlbrecht, die Josse als lebendes Theaterarchiv und Hexe vom Dach bezeichnet, ist großartig. Sie fordert Josse lasziv auf, zu lernen, mit den Brustwarzen zu lächeln und sein Löchlein weit zu machen, während sie sein Hinterteil betatscht.

Fordert Josse (Andreas Krüger) forsch auf zu lernen  „mit den Brustwarzen zu lächeln": Agnes Giese als Schauspiellehrerin Marthe von Ohlbrecht. Quelle: Dorothea Heise

Die einzelnen Szenenwechsel werden mit Monologen des Protagonisten moderativ verbunden. Immer wieder stellt Josse sich die Frage nach dem eigenen Sein, um die Lücke zwischen dem Anspruch an sich selbst und der Wirklichkeit seines unbefriedigenden schauspielerischen Vermögens schließen zu können. Sein Vater stirbt und er muss den fortschreitenden Alterungsprozess seiner immer mehr dem Alkohol zugewandten Großeltern beobachten, bis auch diese zum Ende in weißen Gewändern entschwinden.

Im Buch nuanciert, mit feinsinnigem Humor versetzt, darstellt, wirken die Szenen der Bühnenfassung in Teilen oftmals zu laut, plakativ und zu wenig detailliert umgesetzt. Langanhaltenden Applaus gab es nach der Premiere aber trotzdem.

Weitere Aufführungen

Weitere Vorstellungen des Stücks „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ im Jungen Theater finden an folgenden Tagen statt:

Am 30.11. sowie am 7., 13. und 21.12.2019 jeweils um 20 Uhr

Am 31.12.2019 um 17.30 Uhr und um 20.30 Uhr

Vorstellungen im Neuen Jahr:

Am 4. und 10.1. wie auch am 8. und 21.2.2020 jeweils um 20 Uhr

Von Jörg Linnhoff

Diverse neue Freizeitangebote für alle Altersklassen bietet die Musa im Dezember. Auch eine erfolgreiche Fun-Punk-Gruppe ist am Sonnabend, 14. Dezember, zu Gast im Kulturzentrum.

29.11.2019
Regional Konzert in der Göttinger Musa Impala Ray mit mitreißender Show

Mit Hackbrett und Tuba produziert die Band Impala Ray aus München afrikanische Rhythmen. Gegen Ende ihres Auftritts in der Göttinger Musa überraschten sie ihr Publikum mit einer eigenwilligen Wendung.

29.11.2019

Zwei Schwerpunkte hat eine Ausstellung, die am 15. Dezember im Alten Rathaus Göttingen eröffnet wird: die Kunst von Käthe Kollwitz und jene der von den Nationalsozialisten verfemten Künstler.

02.12.2019