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Regional Prosa von Guntram Vesper
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16:35 30.11.2017
Guntram Vesper mit seinem neuen Prosa-Band. Quelle: Arne Bänsch
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Göttingen

Vor zwei Jahren ist der Göttinger Schriftsteller Guntram Vesper für seinen Roman „Frohburg“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden. Jetzt hat er einen Band mit Prosa herausgebracht: „Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“.

„Steht man auf den Hügeln im Westen, liegt die Stadt unten im Tal und am jenseitigen Hang“, beginnt Vesper in Kapitel III seines 1979 erschienenen Prosawerks „Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“ die neben Heines berühmten „Harzreise“-Passagen literarisch bedeutendste und nicht minder kritische Schilderung der Stadt Göttingen – und ihrer Wandlung zur „Einkaufsstadt“. Sie habe sich, bilanziert eine Figur, „in den letzten dreißig Jahren stärker verändert als in den dreihundert Jahren davor. Dabei sind nicht mehr als fünf Bomben gefallen. Und wir, fragt er dann mit erhobener Stimme, was wird aus uns.“

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Um zu überprüfen, was aus uns und unserer Stadt geworden ist, um festzustellen, wie aktuell das inzwischen auch schon mehr als 30 Jahre alte, lange vergriffene Buch noch ist, muss man nicht mehr den Weg in eins der von Vesper so geschätzten Antiquariate nehmen, „Frohburg“ sei Dank. Der Erfolg dieses monumentalen Erzählwunderwerks, das 2016 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse prämiert wurde, hat den Schöffling Verlag animiert, Vespers Gesamtwerk wieder aufzulegen, das in Vergessenheit zu geraten drohte, weil der 1941 im sächsischen Frohburg geborene, 1963 zum Studium nach Göttingen gezogene und dort seither arbeitende Autor zwischen 1992 und 2016 ausschließlich in ausgesuchten Kleinverlagen publizierte.

So hat man nun Gelegenheit, die Entwicklungslinien des Vesper’schen Werkes nachzuvollziehen, das ab den 1970er-Jahren die deutsche Literatur mit zentralen Texten bereicherte. Das gilt bereits für Vespers ersten Prosaband. „Kriegerdenkmal ganz hinten“ (1970) ist ein locker arrangiert wirkender, jedoch bis ins Detail durchkomponierter Reigen von Miniaturen, die in großer sprachlicher Dichte Vespers Zentralthema anschlagen: die Gewalt, der Menschen zu allen Zeiten ausgesetzt waren, und die sie ausgeübt haben, dargestellt anhand moritatenhafter Anekdoten sowie bisweilen schwarzhumoriger Szenen vom Leben auf dem Land (und in Göttingen). Das war durchaus zeittypisch, doch Vespers Kunstsprache ist von einer Zeitlosigkeit, die Programm ist: „Sind uns, frage ich, die Gefühle, Gedanken, Handlungen, von denen gesprochen wird, wirklich fremd, erkennen wir die Bilder nicht wieder. Weshalb erschrecken uns die Ahnungen, Erinnerungen, die alten Gewohnheiten und die alten Worte so stark. Das ist der Anfang. Dann erzählt man das Ganze noch einmal. Und richtig.“ Um das hier in der Geschichte „Unten im Schwarzwald“ apostrophierte „richtige“ Erzählen ringt Vesper zeitlebens, es findet 1979 in „Nördlich der Liebe“ eine werkprägende Form, hier bildet sich in der Verschmelzung archaisch anmutender Dorfgeschichten, autobiografischer Episoden und klarer Beobachtungen zeitgeschichtlicher Entwicklungen und Konflikte der einzigartige Vesper’sche Ton heraus.

Das Aufregendste an der nun vorliegenden gesammelten Prosa ist, dass man dessen Entfaltung nachvollziehen kann anhand der zahlreichen verstreut publizierten Erzählungen, die jetzt erstmals dem breiten Publikum gebündelt zugänglich sind und wie Vorstufen zu „Frohburg“ wirken: Die Heimatstadt, aus der die Familie Vesper 1957 in den Westen flüchtete, rückt neben dem Wohnort Göttingen immer stärker in den Mittelpunkt, wird zur exemplarischen Bühne der Welterfahrung und -beschreibung. Die eigentliche (Wieder-)Entdeckung steht aber noch bevor: Im nächsten Jahr folgt Guntram Vespers gesammelte Lyrik.

Guntram Vesper: Nördlich der Liebe und südlich des Hasses. Die Prosa. Schöffling & Co., 684 Seiten, 32 Euro.

Von Thomas Schaefer

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