Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Ränder und Grenzen der Urbanisierung
Nachrichten Kultur Regional Ränder und Grenzen der Urbanisierung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:27 24.08.2011
Arbeit von Albrecht Schäfer: Installation mit Abdeckfolie und Baustrahlern.
Arbeit von Albrecht Schäfer: Installation mit Abdeckfolie und Baustrahlern. Quelle: Heller
Anzeige

Martin Pfeifle hat für diese Arbeit, die im Rahmen der aktuellen Ausstellung des Kunstvereins, „Zwischen Räumen“, zu sehen ist, Papier verwendet, auf dem üblicherweise Dinge stehen wie „Kirmes in Grone“, „Flugtag in Uslar“ oder „Große Zeltdisko“. Häufig verwendet er profanes, industrielles Material in einer Weise, die dessen Wahrnehmung und auch die des Raumes, auf den es angewendet wird, völlig verändern. Er verschränkt Raum und Form mit dem Material, konfrontiert mit Interaktion.

Alle sieben teilnehmenden Künstler sind von Kuratorin Isabel Koch ausgewählt worden. Sie alle waren oder sind Stipendiaten der Kunststiftung Baden-Württemberg, deren Geschäfte der Vorsitzende des Göttinger Kunstvereins, Bernd Milla, führt.

Albrecht Schäfers Installation mit Abdeckfolie und Baustrahlern atmet geradezu den Raum durch sich erhitzende Luft, Martina Sauter verdoppelt in ihren Fotografien den ohnehin schon gegebenen, beinahe voyeuristischen Blick durch Türen auf Filmszenen mithilfe einer vorgelagerten, plastisch sich abhebenden Fotoschicht. Lutz Fezer kommentiert sachte Mode, Politik und Film mit kleinen Eingriffen. Björn Braun zerschneidet mediale Realitäten und setzt sie zu etwas ganz anderem zusammen. Jana Eske spannt den Bogen von Alltäglichkeiten zu Absurditäten und dem Grauen dahinter, dazwischen.

Eine halbe Treppe weiter oben gelangt man zwischen das Gewirr hochaufkragender, ineinander verschachtelter Fassaden. Katrin Ströbel zeichnet sich überlagernde Fragmente existierender Hochhäuser, Fenster, Markisen, architektonischer Elemente auf halbtransparente Folien, die von der Decke hängen. Im Vor- und Hintereinander birgt diese Arbeit ganz eigene Räumlichkeiten, zeigt Durchlässigkeit und die Vielschichtigkeit des urbanen Raumes.

Doch sie thematisiert daneben auch die Ränder und Grenzen der Urbanisierung.Zehn Fotografien von Orten zeigen die Spuren zeitweiligen menschlichen Aufenthalts, Matratzen, Wärmefolie, Bekleidung, Plastik. Sie verweisen in angemessen distanzierter und zugleich gleichberechtigender Sprache auf Obdachlosigkeit, Armut, Ortlosigkeiten.

Die Ausstellung funktioniert als Gruppenausstellung durch die zum Teil unterschiedlichen, zum Teil sich gegenseitig erweiternden Arbeiten, sie wirken wie ein oft interessantes, manchmal gar unbegangenes Terrain. Sie thematisieren neben formalen Aspekten makrosoziologische, architekturtheoretische oder medientheoretische Ansätze verschiedener Richtungen.

Die Ausstellungsräume haben darüber hinaus einen neuen Untergrund: der grau-grüne Teppichboden der Ausstellungsräume ist von der Stadt zugunsten eines sehr schönen Holzfußbodens entfernt worden. Ein Wermutstropfen fällt jedoch in diesen Kelch: Gut ein Sechstel des großen Saales musste einer Belüftungsanlage weichen, die zentrale Wand für großformatige Arbeiten ist nun nicht mehr da.

Die Ausstellung ist bis zum 16. Oktober dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr im Alten Rathaus in Göttingen, Markt 9, zu sehen.

Von Tina Lüers