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Regional Ralph Dutlis „Soutines letzte Fahrt“ aus Göttinger Wallstein Verlag
Nachrichten Kultur Regional Ralph Dutlis „Soutines letzte Fahrt“ aus Göttinger Wallstein Verlag
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18:26 16.06.2013
Von Christiane Böhm
Mischt geschickt Fakten und Fiktives über den Maler Chaim Soutine: der Autor Ralph Dutli.
Mischt geschickt Fakten und Fiktives über den Maler Chaim Soutine: der Autor Ralph Dutli. Quelle: EF
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Göttingen

Auch wenn Soutine wenig bekannt ist, seine Bilder allerdings werden hoch gehandelt. 1913 kam der junge Mann, der aus ärmlichsten Verhältnissen stammte, nach Paris und dort ist er 1943 gestorben. Mit seinem Leben beschäftigt sich der Roman „Soutines letzte Fahrt“ von Ralph Dutli, der kürzlich im Göttinger Wallstein Verlag erschienen ist.

Der Heidelberger Autor wählt eine interessante Erzählperspektive. Soutine liegt in einem Leichenwagen und wird 1943 zu einer Operation in die französische Hauptstadt gefahren. Seine Bilder sind von den Paris besetzt haltenden Nazis als entartete  Kunst  bezeichnet worden. Er muss sich an der Loire mit falschen Papieren versteckt halten. Nun aber duldet das jahrealte Magengeschwür keinen Aufschub mehr, der Durchbruch der bitteren Säfte in die Bauchhöhle steht bevor. Und so geht es über kleine Wege und mit vielen Umwegen, vorbei an allen Kontrollen in die Hauptstadt zur rettenden Operation.

Leben zieht in Leichenwagen vorbei

Im Leichenwagen zieht sein Leben noch einmal an Soutine vorbei. Sie besuchen ihn alle hier im Wagen hinter den grauen Vorhängen: in seinem Morphium-Delirium sieht er seine Frauen, die Maler, den alten Rebbe, die Ärzte. Dutli mischt geschickt Fakten und  Fiktives.

Seit seiner Kindheit ist Soutine, geboren 1893, besessen vom Malen, vom Zeichnen, jeder Fetzen Papier wird zur Versuchung. Denn dort, wo er aufwächst, darf man nicht zeichnen. Im Schtetl Smilowitschi wird nach streng orthodoxen Regeln gelebt. Ständig setzt es Prügel, wenn er erwischt wird, auch von den eigenen Brüdern. 1909 fährt Soutine mit seinem Freund Michel Kikoine nach Minsk, 1910 nach Vilnius. Nach einem dreijährigen Studium an der Kunstakademie hat er genug Geld für eine Zugfahrkarte nach Frankreich zusammengespart  und kommt im Juli in Paris an, im Mekka der Moderne. 

Absinthsüchtig und tuberkulosekrank

Hier trifft er Marc Chagall, Pablo Picasso, Max Ernst, aber auch Henry Miller. Einer seiner wichtigsten Begleiter wird Amedeo Modigliani. Der Italiener, absinthsüchtig und tuberkulosekrank, ist das genaue Gegenteil von Soutine. Ein Blender, ein Alleweltverführer, schamlos, mit von Soutine beneideter Leichtigkeit wirft er seine Bilder auf das Papier.

Für Soutine ist Malen Ausnahmezustand, ein innerer Zwang. Skeptisch beäugen die meisten Soutines Tierkadaver, seine Landschaften mit ihren schrägen Linien. Doch plötzlich hat der Maler Erfolg, ein amerikanischer Sammler wird auf ihn aufmerksam.

Brennen im Magen fühlen

Allgegenwärtiger Begleiter ist nicht nur im Leichenwagen der Schmerz. Dutli lässt den Leser das Brennen im Magen fühlen, die Wohltat der Milch und des Bismutpulvers. Aber auch die Einsamkeit des Malers, die Verzweiflung, den Schmerz über den Selbstmord einer Bekannten, den Verlust seiner deutschen Geliebten Gerda Michaelis, von Soutine Garde genannt – sein Schutzengel. So etwas wie Glück empfindet er wohl nur mit ihr. Im Mai 1940 wird sie in ein französisches Internierungslager gebracht. Soutine ist verzweifelt, auch im Leichenwagen fleht er nach seiner Garde.

Dutli ist ein außergewöhnliches Buch gelungen, das auch  interessante Einblicke in die Zeit der Moderne in Paris gibt. Vor allem aber zeichnet es ein fesselndes Bild eines verstörten und verstörenden Menschens.

► Ralph Dutli: Soutines letzte Fahrt. Wallstein, 272 Seiten, 19,90 Euro.