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Regional „Ranwanzen ans Publikum – sehr gut“
Nachrichten Kultur Regional „Ranwanzen ans Publikum – sehr gut“
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18:30 15.11.2011
Schelmisch und angenehm unprätentiös: der Stromberg-Darsteller Christoph Maria Herbst. Quelle: Pförtner
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Nicht nur spitzbübisch ist er, der gefeierte Comedian und Schauspieler macht auch einen angenehm unprätentiösen Eindruck und scheint mit der Arroganz der von ihm häufig gespielten Charaktere so gar nichts gemein zu haben. Jetzt auch unter die Autoren gegangen, ist Herbst nach Göttingen gekommen, um aus seinem Buch „Ein Traum von einem Schiff – Eine Art Roman“ zu lesen.

Er überrascht das überwiegend studentische Publikum zu Beginn mit einer unerwartet ernsten und schlichten Bemerkung darüber, dass es auch in Göttingen eine Institution gebe, für deren Notwendigkeit man sich schämen müsse: das Frauenhaus. Da es das Frauenhaus Göttingen gut gebrauchen könne, habe er sich entschlossen, ihm die Gage des Abends zur Verfügung zu stellen. „Das reicht nun auch mit Gutmenschentum, jetzt wollen wir uns um die wichtigen Dinge kümmern“, schlägt er den Bogen zu seinem Buch, indem er urkomisch ironisch sein Schauspielerengagement auf dem ZDF-Traumschiff schildert und bitterböse die in die Jahre gekommene Serie vorführt.

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Dazu, dass er das Buch überhaupt geschrieben hat, wegen dessen Veröffentlichung es sogar Gerichtsverfahren gab, meint Herbst nur: „Nein, ich möchte nicht noch einmal bei 29 Grad Celsius auf einem Luxusdampfer sitzen, Caipirinhas schlürfen und dafür 15 000 Euro am Tag kassieren, nein, ich möchte nach Göttingen.“ Und steigt damit in die Lesung und die Beschreibung seiner (Alb)traumreise nach Panama, Costa Rica, Ecuador, Peru, Chile und Bora Bora auf einem Schiff ein, dass jedes, wirklich jedes Klischee erfülle, sagt Herbst.
Vor allem die Beschreibungen seines Zusammentreffens mit dem Traumschiffvater Wolfgang Rademann („Ich ergebe mich kampflos diesem Charisma-Koloss mit der Markendiscounter-Tüte“) und die Parodien diverser Mitreisender treiben dem Publikum Lachtränen in die Augen. Seine Darstellungen sind so lebendig und präzise, dass vor dem eigenen geistigen Auge die Buttercreme-Tortenberge zur „Teatime“ erscheint und der allgegenwärtige Geruch von „Tosca“ in die Nase steigt.

Herbst wird von seinen Fans vor allem für die Figur des Strombergs geliebt, der er in der gleichnamigen Fernsehserie ein so markantes Profil verliehen hat, dass sie sich zum Kult entwickelte. Während seiner deftigen Lästereien über den ZDF-Quotenhit „Traumschiff“ blitzt statt des profillosen Familienvaters, den Herbst auf dem Traumschiff zu spielen hatte, immer wieder der schmierige Versicherungsmakler Stromberg auf wie er zwischen Kreuzfahrt-Urgesteinen und den mit Wunderkerzen geschmückten Eistorten in gewohnter Manier seine Krawatte glatt streicht und sich unauffällig selbstverständlich mit an den Tisch des Kapitäns setzt. Ein lohnendes Buch für alle, die Herbsts Humor teilen – und sich an dem Aberwitz eines seit 30 Jahren mit gleichen Geschichten und austauschbaren Schauspielern bestückten Traumschiffs ergötzen wollen.

Von Indra Hesse